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Sonntag, 25. September 2011

Idee für eine Kindergeschichte




Aus Timo Schmidt-Boelkes Notizheften:

Idee für eine Kindergeschichte:

Als es Nacht wird, und alle schon zu Bett gegangen sind, da erwacht der Toiletten-Türgriff zum Leben.
Behutsam steigt er mit seiner langen, klinkenförmigen Nase und seinen beiden schraubenkopf-runden Augen aus seiner Fassung, lässt sich entlang der Türkante zu Boden gleiten und erkundet die vor ihm liegende Welt.
Er lernt den fliegenden Klorollenhalter kennen, erlebt fantastische Abenteuer mit dem immer brummigen Herrn Klodeckel und der hochnäsigen Frau Spülkasten, diskutiert auf dem Beistellschränkchenplateau mit langweiligen, herumliegenden Frauenzeitschriften und rechthaberischen alten Spiegel-Ausgaben. Höhepunkt der Reise bildet die Bekanntschaft mit der leidenschaftlichen Frau Heizkörper.
Der Morgen graut bereits, es regnet draußen, und als Dieter Floh, Wetteransager im Fernsehen und im Privatleben ein Versager, mit zerzausten Haaren seine Toilette betritt, erinnert nichts mehr an die Geschehnisse der Nacht. Alles steht und hängt bewegungslos an seinem Platze, und für einen kurzen Moment denkt Floh daran, wie erbärmlich und mies man sich doch sogar in seinem eigenen Klo fühlen kann.


Samstag, 24. September 2011

Das Haus der tausend Streiche



Aus Timo Schmidt-Boelkes Notizheften:

"Das Haus der tausend Streiche"

  • Freche Schüler manipulieren die Überwachungskameras der Schule mit ihren lustigen Lasercomputern,
  • spielen während des Unterrichts mit in ihren Linealen eingebauten Lupen und in ihre Unterrichtsbrillen eingebauten Mikro-GameBoys,
  • verstreichen unsichtbaren Superkleber auf den Klobrillen des Lehrerklos,
  • verstecken Vibratoren in den Lehrerspinden,
  • schmuggeln Schwulencomics in den Posteingang des Direktors,
  • dichten per Audio- und Videomanipulation der Vizedirektorin ein Verhältnis mit dem buckligen Hausmeister an,
  • hören Death Metal während des Unterrichts mit Hilfe in ihre Gehörgänge eingebauter Mikro-Mikrofone,
  • überschütten die Lehrer mit perversen SMS,
  • schicken zunehmend gleich ihre Klone (die ohnehin bessere Noten schreiben), ohne dass ihre noch mit Taschenrechnern hantierenden Lehrer etwas davon bemerken, in den Unterricht,
  • verstecken eine verklemmte Referendarin für mehrere Tage im Kohlenkeller.
                                                 

Mittwoch, 9. Februar 2011

Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Handys



Dekaden scheint's her zu sein. Apple, die Kanadier, Chinesen und Koreaner waren im Bewusstsein noch fern, der Autor telefonierte damals noch, wenn überhaupt, von Telefonzellen aus, und es lebte sich auch.

Aus Timo Schmidt-Boelkes Notizheften:


Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Handys

Ein prustender, dicker Deutscher fliegt unter Marschmusik um die Welt.
Ein spleeniger Engländer gabelt pfeiferauchend in Göteborg zwei blonde Ericsson-Hostessen auf.
Benny Hill verschwindet als Feuerwehrhauptmann mit seiner langbeinigen Assistentin in den Niederungen des Flughafen-Towers.
Ein Amerikaner, ganz Cowboy in Jeans, landet sein Handy in einem Schwesternkonvent in der Camargue. Er versumpft weinselig in hochprozentigem Cidre.
Die Japaner besitzen zwar die beste technische Ausrüstung, doch sie verpassen durch ihr andauerndes Videospielen den Start und werden nach einigen Stunden schließlich disqualifiziert.
Die australische Teilnehmerin, eine hellschwarz gebräunte Strandschönheit mit Oakleybrille, Waschbrettbauch und neongrünem Baywatchbikini, verliebt sich in den Vertreter Frankreichs, einem adeligen Filou mit dreißig Kindern. Sie reisen noch am selben Tag in seinen Stadtpalast an der Place Vendome, wo sie unter anderem sofort ihr Training zur Miss World Aerobic aufnimmt.
Der russische Teilnehmer wird von einer gewaltigen Abschussrampe aus versehentlich ins All geschossen, wo er fortan mit lustigem Sputnik-Piepsen die Erde umrundet, und zur fortwährenden Erheiterung des Publikums immer wieder vergeblich probiert, zur Erde zurückzukehren und in den Wettbewerb wieder einzusteigen. (Zentrale landet immer wieder bei der betrunkenen Putzfrau eines Professors in Helsinki)
Tarzan ist gerade im Urwald unterwegs, als er wegen seiner Teilnahmeberechtigung auf seinem Handy angerufen wird. Noch während er über das Startgeld verhandelt, knallt er gegen einen Baum und bricht sich einige Rippen. weshalb er die Teilnahme absagen muss. Allerdings bleibt er, während er von seinen zahllosen Tierfreunden auf erstaunlich hilfsbereite und menschliche Weise (Tantor etwa verkleidet sich als Kellner, ein Affe als witzige Animierdame) versorgt wird, über seinen Satellitenfernseher stets über den Fortgang des Wettbewerbs informiert.
Der teilnehmende Eskimo versteht die Einladung falsch, glaubt an einem Wettfischen teilzunehmen, fischt einen immer größeren Berg Fische, und fragt sich jedes Mal wieder, wo denn nur seine Konkurrenten bleiben.
Die intrigante ungarische Sexbombe mit ihren enormen Stöckelschuhen bricht sich ein Bein, und muss ohne englischen Baron zu ihrer Großmutter in die Puszta zurückkehren, wo sie mit ihrem verwöhnten Gehabe den Dienstboten, die sie nur allzu gut kennen, sofort wieder auf die Nerven geht.
Ein Schweizer mit exakt geschnittenem Schnäuzlibart landet dank seines Schweizer Kompasses punktgenau am Zielort, dem Flugplatz von Rejkyavik, wo er freundlich von seinem isländischen Mitkonkurrenten empfangen wird, einem muskelbepackten 3 Meter-Hünen, der die Strecke geschwommen ist.
Einige Wochen nach den Siegesfeierlichkeiten taucht der indische Teilnehmer, der zu Fuß angereist war, auf und wird von Benny Hill, den er gerade beim Kiffen unterbrochen hat, über seine Verspätung informiert. Mit einem befremdlichen, doch irgendwie weise wirkenden Lächeln macht er sich wieder auf den Heimweg.
Unter dem Lachen und Toben des internationalen Publikums senkt sich der Kinovorhang, und alle Nationalitäten fallen sich in die Arme. Kurz darauf allerdings entwickelt sich bereits eine heftige Schlägerei, angezettelt natürlich von den Deutschen, die selbst nach Jahrtausenden auf Marschmusik im Abspann bestehen.


Mittwoch, 4. August 2010

Eine junge Frau am Seebrucker Kieselstrand




Aus Timo Schmidt-Boelkes Notizheften:

Eine junge Frau am Seebrucker Kieselstrand: Entspannt, die Augen geschlossen, im Schneidersitz, wälzt sie in ihrer Rechten zwei kleine Metallkugeln, die in unregelmäßigen Abständen leise gegeneinander knallen und ihr ein ums andere Mal aus der Hand fallen. Standhaft, fast verbissen, beginnt sie nach jedem Fehlschlag von Neuem und murmelt dabei: Qi-Gong, Qi-Gong, Qi-Gong, Qi-Gong...


Post von einer Ludwig Thoma-Retrospektive




Aus Erich-Wolfgangs Tagebuch:

Schorschi sendet Post von einer Ludwig Thoma-Retrospektive, die seiner Meinung nach "etwas" hatte. Ich versuche nicht darüber zu urteilen. Weder Ludwig Thoma noch dessen grauenvollen Verfilmungen haben mich jemals interessiert.
Der Junge hat einen wenig ermutigenden Entwurf beigefügt:

"Durch einen Unfall in Professor Thomallas Labor vervielfältigt sich die hübsche und 35-jährige Abiturientin Uschi Glas in 4 völlig identische Zwillinge. Die 4 Uschis stiften Verwirrung im ganzen Dorf, bei den Eltern und sogar ihrem mit einem Drogenproblem behafteten Bruder.
Schließlich schickt der Herrgott, um die Situation zu schlichten, Hansi Kraus auf die Erde, ein hundertprozentig asexuelles Wesen. Mit Hilfe seiner riesigen Strahlenkanone dampft er die falschen Uschis ein. Die übriggebliebene Uschi verliebt sich in Hansi und zeigt ihm mit ihrem durchtrainierten Körper, was die Liebe ist. Hansi bittet daraufhin den Herrgott, ihn doch zu einem asexuellen Wesen zu machen. "Gut," sagt der Herrgott, "damit verlierst du aber deinen Seitenscheitel und deine Unsterblichkeit." Das alles ist Hansi egal. Alles, wonach es ihn zieht, ist, jene ewige Lust zu erlangen, von der Uschi gesprochen. Schnell spürt er, welche Veränderung in ihm vorgeht, und begibt sich, die hemmungslos kichernde Uschi Glas an seiner Hand, im Laufschritt in Richtung Heustadel des Gymnasiums."

Konnte mich nicht eines Hinweises enthalten, doch genauer auf die Begrifflichkeiten und die Einheit des Stils zu achten. Weiters (zum wiederholten Male) er solle Sex, Religion und das was er "jokes" nennt, bei der Arbeit vor der Tür halten. Doch was bleibet dann?


Weitere Lektüre der Erinnerungen des erfolgreichen Schlagerkomponisten Jean Spiegel




Aus Erich-Wolfgangs Tagebuch:

Weitere Lektüre der Erinnerungen des erfolgreichen Schlagerkomponisten Jean Spiegel:
"Heulen und Schluchzen, Heulen und Schluchzen, von mir aus auch Jaulen, das ist das einzige, worauf es ankommt!"
Diesen Verdacht hatte ich schon immer. Spiegel weist aber noch auf andere unentbehrliche Vorausbedingungen hin, eine halbwegs zur Höhe fähige Stimme und eine SEHR gute Mischmaschine. Dies gilt für die Damen der Schöpfung. Männer haben es laut Spiegel einfacher, sie müssen nur murmeln oder schlecht rappen können. Schlafzimmerqualitäten seien bei beiden Geschlechtern von Vorteil.


Dienstag, 3. August 2010

Die Tagebücher der Gebrüder Schmidt-Boelke



Die Tagebücher der Gebrüder Schmidt-Boelke

Projekt um 2000 herum, bestehend aus den Tagebüchern der drei miteinander verwandten Schmidt-Boelkes. Zahlreiche Notizen aus jener Zeit kamen für das Projekt zupass, waren untereinander meistens aber ohne Zusammenhang.
Die Protagonisten:
1.          Erich Wolfgang Schmidt-Boelke, ein älterer Herr, der seine jungen Jahre als Sekretär des Klassikers Schniepnagel zugebracht hat. Sein Erfolg als Autor hat seit vielen Jahren Bestand, und er schreibt in der etwas selbstgerechten, gelegentlich un- oder überreflektierten Art eines Mannes, der sich seiner Leserschaft sicher ist.
2.          Dessen weit jüngerer Bruder Timo Schmidt-Boelke. Timo arbeitet als Lehrer und hat als Autor so gut wie keinen Erfolg. Er liebt seinen Brotberuf nicht, Hass, Bitterkeit und Sarkasmus sind ihm keinesfalls fremd, doch er besitzt Beobachtungsgabe.
3.          Schorschi, ein Schwesterkind der beiden, zwanzig Jahre alt, ein wenig kindisch noch, naiv, von den Härten des Lebens größtenteils verschont bisher, ohne rechtes Ziel, fest entschlossen jedoch, es seinen schriftstellernden Onkels nachzutun.


Montag, 2. August 2010

Der einsame Duscher




Aus Timo Schmidt-Boelkes Notizheften:

Der einsame Duscher

Eine Gruppe Urmenschen wird tagtäglich vereinnahmt von dem gnadenlosen Kampf um ihr Überleben. Mal fangen sie einen alten Säbelzehntiger, mal erfrieren sie halb vor Kälte, mal bringt die Sonne sie an den Rand des Verdurstens, mal sterben sie beinah vor Hunger, ohne dass sie Gründe für die vorangegangene Hungerszeit finden könnten.
In der Nacht, wenn sie niedergeschlagen ihrer verängstigten Träume harren, hören sie beinah jeden Tag das seltsame Geräusch plätschernden Wassers, nicht vielen Wassers, aber immerhin das einer ganzen Anzahl von Tropfen, die vereinzelt oder in Gruppen, auf eine merkwürdig klingende Unterlage treffen.
Nacht für Nacht hält die Angst sie wieder zurück, dem unheimlichen Geräusch nachzugehen, doch jede Nacht wagen sie sich weiter zum Ausgang ihrer Höhle und schließlich darüber hinaus. Was kann es nur sein? Ein Gott, ein Ufo, ein wildes Tier? Wieder und wieder kommen die Nächte, und irgendwann lässt ihnen die Neugier keine Ruhe mehr. Als das Plätschern einsetzt, strömen sie mutig aus und finden die Ursache hinter einem kleinen Gebüsch ganz in der Nähe. Von irgendwoher beleuchtet, steht ein Mann deutlich sichtbar in einer Lichtung unter der Dusche. Er mag vierzig sein, ist weißer Hautfarbe, hat einen deutlichen Bauch und ist riesengroß. Sein Blick geht ins Leere und sein Gesichtsausdruck wird den Urmenschen unvergesslich bleiben. Es ist ihm alles gleich. Genausogut könnte er auch sterben.
Kriege werden kömmen, Krankheiten, Katastrophen, doch den Gesichtsausdruck dieses Mannes werden die Urmenschen nie wieder vergessen.