Sysiphos in der Materialausgabe des höchsten Gerichts. Er kann sich aussuchen, ob er a.) bis in alle Ewigkeit einen Felsbrocken wälzen oder b.) über denselben Zeitraum einen Kübel mit vollen Windeln schleppen möchte. In einer Verkettung unglücklicher Umstände entscheidet sich der im Umgang mit Inkontinenzsystemen völlig unerfahrene Titan für die Windeln. Und rasch bemerkt Sysiphos, welch verhängnisvollem Fehlschluss er dabei unterlegen. Der Windelbehälter nämlich ist tonnenschwer, kein Felsbrocken könnte auch nur annähernd so schwer sein. Doch nun ist es zu spät. Sysiphos ist zum Schleppen des Windeleimers verdammt.
Posts mit dem Label Mythologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mythologie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Samstag, 1. Oktober 2011
Sysiphos in der Materialausgabe des höchsten Gerichts
Labels:
Mythologie,
Sysiphos,
The Notiz
Freitag, 26. August 2011
"Getroffen von Amors Beil"
"Getroffen von Amors Beil"
Ein Appartement in irgendeinem städtischen Wohnblock, die Einrichtung verwüstet, wo man auch hinsieht, Spuren von Blut und Gewalt… Mehrere Polizisten, Zivilisten wie Uniformierte, sprechen untereinander, einer von ihnen erklärt:
Subtext: "Kein Zweifel – und welche Gründe er auch immer gehabt haben mag: Amor ist wieder aufs Beil umgestiegen."
Alternativ:
Eine Leiche, nach Family Guy-Manier mit verrenkten Gliedmaßen am Boden liegend. Die Polizisten: "Kein Zweifel, Mann – den hat Amors Beil erwischt."
Alternativ:
Ein Comic-Strip. Vier Bilder: Amors Pfeil – Amors Beil (die breite Rückseite einer großen Spaltaxt) – Amors Lastwagen – Amors massives Achthundert Tonnen-Faschings-Aprilscherz-Gewicht
Labels:
Cartoons,
Mythologie
Sonntag, 14. November 2010
In der Model-WG
In der Model-WG: Silena, lüstern, korpulent, ungefähr 80, mehr Mann als Frau, dem Wein, dem Koks und den Frauen verfallen, sie hat einen langen, weißen Bart, sie ist nicht dumm, doch mit ehrfurchtgebietender Rücksichtslosigkeit exzentrisch.
Labels:
Model-WG,
Mythologie,
The Notiz
Montag, 18. Oktober 2010
Erinnerung
Erinnerung
Wieder einmal mit dem Mountainbike durch den Wald, wie so oft. Es ist Sommer, Spätnachmittag, Insekten tanzen im Sonnenschein, das Spiel des Lichts auf dem Waldboden, die spürbare Kühle im Schatten unter den Bäumen. Fühle mich in Momenten wie schwerelos. Alles ist frisch, warm, alles Natur, unbeeinträchtigt scheinbar von der Moderne. Der Waldweg ist ungeteert, besteht aus blanker, vom Verkehr verdichteter Erde, die Pfützen des letzten Regens darauf sind aufgetrocknet. So könnte es hier auch schon vor einhundert oder zweihundert Jahren ausgesehen haben.
Gedanken an meinen Großvater. Er war ungefähr Siebzig bei meiner Geburt. Er hieß Willhelm-Kai, ganz wie sein Vater es gewollt hatte. Kai, so wie fast alle männlichen Erben im Stammbaum der Rosenstock-Bonos, Wilhelm wie Willem Zwo, Kaiser von Deutschland damals, ein Mann, dessen Anstrengungen dahin gingen, seinem Land die großartigste Flotte und einige der abwegigsten Kopfbedeckungen der Geschichte zu bescheren.
Das marine Element dem aerophilen voran zu stellen, Peter-Michael Kolbe und Poseidon vor Aurora und Evil Knevil, Überlieferungen und Traditionen gar zu berücksichtigen, das sind Dinge, die zur vorletzten Jahrhundertwende noch überlegenswert waren. Kevin oder Kai? Heute interessiert das kein Schwein mehr. Bestimmend allein sind in diesen unseren Tagen Gedankenlosigkeit, persönlicher Wahnsinn oder die Mode. Doch zugegeben: So viel anders wird es früher auch nicht gewesen sein.
Ich radle weiter. Jede offene Stunde in freier Natur bringt mich mir näher, jede abgesessene Stunde vorm Computer bei Google und Microsoft entfernt mich von mir.
Ein Buntspecht klopft gegen eine dürre Föhre:
TACK-A-TACK-A-TACK-A-TACK-A-TACK-A-TACK
Sich lediglich mit seinen Krallen an der Rinde festhaltend und davon abstoßend, schraubt der Specht sich in einer hopsenden Spiralbewegung den Stamm der Föhre hinauf. Einige Meter weiter oben hält er inne, sieht prüfend nach links und rechts und beginnt, von Neuem zu klopfen.
TACK-A-TACK-A-TACK-A-TACK-A-TACK-A-TACK
Woody Woodpecker, einer der größten Müllmänner der Cartoongeschichte.
Radle weiter. Es gab eine Zeit, da waren die Besitzungen meiner Familie ohne Zahl. Nur der Hauptzweig allerdings, dem der große Onkel vorstand, der in Wahrheit kein Onkel mehr war, sondern ein Cousin zweiten Grades zu meinem Urgroßvater. Dem Zweig, dem mein Großvater entsprang, ging es nie schlecht, er schwamm aber auch nie im Geld, am wenigsten nach dem Krieg. Heute, als magerer Rest, der die Wirren von Faschismus und Volksdiktatur überstanden hat, und in seiner Einfachheit beinah symbolisch zu nehmen, existiert im Stammland nur noch der inzwischen auf mich übergegangene, bescheidene mittelgroße Gutshof irgendwo im vorderen Niederbayern. Mein Großvater hat es nie ganz verwunden, den Familiensitz an der Ostsee mit dem Rosenstock-Pier und dem Bonoschen Strandbad durch den Krieg und die später folgende Enteignung verloren zu haben, auch wenn er dort nie mehr als ein geduldeter und für schrullig befundener Gast war. Mich, der ich es nicht anders kenne, berühren diese emotionalen Bande weit weniger. Ich fühle mich dem Meer kaum verbundener als dem Festland. Auf der anderen Seite wäre die Menschheit ohne das Meer undenkbar. Das Wasser ist unser Ursprung, das Land unser Lebensraum.
Die Gründe, warum uns nur dieses im Verhältnis bedeutungsarme Anwesen geblieben ist, betreffen Ereignisse, die sich Jahrzehnte vor meiner Geburt abgespielt haben. Ohne zu großen Groll sehe ich daher auf diese Verluste zurück. Zumal der große Onkel und seine unzählbaren nächsten Verwandten einen Großteil ihrer Herden ins Trockene gebracht haben. Die walten nun eben woanders. Es macht mir, da ich es nicht anders kenne, nichts aus. Und mein Ehrgeiz, mich den Geldtöpfen wieder anzunähern oder möglicherwiese erlittenes Unrecht wieder einzuklagen, geht gegen Null. Schließlich haben meine Leute, wo uns vor sechzig oder achtzig Jahren Unrecht getan wurde, vor hundert oder hundertzwanzig Jahren mitunter kaum weniger Unrecht getan.
Ich bin mir bewusst, dass dies eine Einstellung ist, um eher früher als später untergebuttert zu werden. Da eine ausgleichende und vermittelnde Lebensweise aber die einzige ist, für die ich in den letzten Jahren Energie aufbringen kann, habe ich keine Wahl. Zumal unser verbliebener Besitz für meine eigene kleine Familie ausreichend und (gesichertes Recht vorausgesetzt) vorläufig sicher ist.
Ich radle weiter. Repräsentanz ist keine Frage von zweieinhalbtausend Hektar. Es ist eine Frage der inneren Einstellung. Trotzdem ihn der verlorene Grundbesitz bis an sein Lebensende verfolgt hat, war das Leben meines Großvaters noch in heute nur noch zu bewundernder Weise von dieser Einstellung bestimmt.
Hinter einer Kurve taucht, nicht mehr zu weit entfernt, ein alter, nach oben hin offener Eicher-Traktor auf. Ein Großteil der früher mal hellblauen Lackierung des Fahrzeugs ist abgeblättert. An ihrer Stelle glänzt mattgrau das blanke Traktorenblech. Am Steuer des Eichers sitzt ein Bauer, der mir seit langem (ungefähr dreißig Jahren) bekannt ist. Zufällig ist der Hof des Mannes nämlich der unserem Anwesen östlich am zweitnächsten Gelegene. Der Landwirt ist klein, beleibt, kräftig, von der Feldarbeit tief gebräunt. Er schwitzt, trägt ein weißes Unterhemd, seine nassen, ergrauenden Locken liegen eng zurückgestrichen am Kopf. Er sieht mich nicht. Hinter ihm rollt und holpert, gezogen vom Eicher, sein alter braun-grüner Ladewagen, bis obenhin zu den Abdeckschnüren beladen mit frisch getrocknetem Heu.
Der Bauer kommt gerade vom "Heuen", wie es in unserem Landstrich heißt. Die Bedeutung des Wortes "Heuen" ist vielschichtig. Es bezeichnet nicht nur den Prozess der Luft- und Sonnentrocknung des gemähten Grases, sondern überschreibend auch alle damit verbundenen Arbeitsschritte sowie deren Summe, ebenso den Zeitraum der Trocknung.
Die Seitenwände seines Ladewagens bestehen romantischerweise aus Holz. Moderne Ladewagen, sofern diese bescheidene und vermutlich nicht optimal effiziente Erntemaschine überhaupt noch existiert, sind gänzlich aus Plastik und Blech hergestellt.
Wir kommen uns näher. Mein Nachbar sieht mich nur an, wie mit leerem Blick. Er scheint mich nicht zu bemerken. Dann, als ich ihn grüße, durchfährt es ihn plötzlich, und er grüßt, beinah enthusiastisch, mit einem heftigen Kopfnicken zurück. Ich passiere lachend den Traktor. Der Nachbar lacht zurück. Um ein Haar bleiben wir stehen, um einen Schwatz anzufangen. Dann erfasst mich plötzlich ein Geruchsmischmasch aus Diesel, Heu, Streu, Staub und Schweiß, und ich denke an Jock', unseren alten Knecht.
Ich war damals noch ein kleiner Junge. Jock's selten vollständig rasierte untere Gesichtshälfte wirkte immer so, als hätte er keine Zähne im Mund. Dabei verfügte er über einen sorgfältig gepflegten Ganzzahnersatz. Das wusste ich genau, weil ich ihm morgens, wann immer es ging, dabei zusah, wie er die beiden Gebissteile aus einem verkalkten Plastikbecher holte und sich gewissenhaft auf seine für mein kindliches Gemüt immer ein bisschen surreal wirkenden hellroten Kiefer setzte. Ein sprödes, handfestes Plastik wie dasjenige, aus dem dieser Gebissbecher war, kennt man heute schon zwanzig Jahre nicht mehr. Jedesmal, wenn ich Jock' tagsüber traf, machte er ein Rübe-Ab-Zeichen, indem er sich mit dem Zeigefinger waagrecht über den Hals fuhr. Ich fing auf dieses Zeichen hin immer wie entfesselt zu lachen an, ohne zu wissen, warum. Heute bin ich mir sicher, dass es die blanke Zuneigung war. Zu Jock' und zu allem, was mich umgab. Jock' fehlten vom Krieg her an der rechten Hand zwei Finger. Sein linker Daumennagel war völlig verwachsen. Er kam ums Leben, als meine Eltern mit uns Kindern gerade das erste Mal die Picos durchwanderten. Der Wurzelteller eines vom Winde geworfenen Baums war ihm bei der Waldarbeit auf den Rücken geklappt und hatte ihm das Genick abgedrückt. Damals wollte und konnte ich nicht glauben, dass Jock' plötzlich tot war, und verlor mehrmals die Fassung, als ich ihn in seiner Kammer aufgebahrt liegen sah. Mit ihm hatte etwas meinen Planeten verlassen, das ich bis heute nicht wiedergefunden habe. Sein Tod war ein erstes Zeichen für mich, dass nichts auf dieser Welt so blieb, wie es war.
Radle weiter. Die kühle Wärme des Abends dringt heute bis in mein Innerstes, in Momenten scheint mir die Abendsonne bis direkt ins Herz zu leuchten. Es ist ein Tag, wie ich ihn mir besser kaum wünschen kann.
Dienstag, 10. August 2010
Venus und Vulkan
Venus und Vulkan
Personen
Vulkan Feuergott, Gott des Schmiedehandwerks
Mars Kriegsgott, Gott der Gewalttätigkeit, des
Männlichkeitsrituals
Venus-Aphrodite Göttin für Liebe und Schönheit
Ionkleus ein Zyklop
Die Szen' ist auf Volcano, einer Insel im Liparischen
Der Palast des Vulkan,
Venus' und Vulkans Schlafzimmer
Ein Doppelbett mit Baldachin. Vom Baldachin hängen Vorhänge, transparent möglichst. Sie verdecken das Bett.
Fern und leise zu hören, das Lärmen einer Schmiedewerkstatt, also Klingen von Metall, das Pumpen von Blasebälgen, usw. .
Auftritt IONKLEUS
IONKLEUS trägt auf den Armen unsichtbare Vorhänge. An seinem Gürtel hängt ein Walkie Talkie.
IONKLEUS (verbeugt sich hastig) Sie haben wirklich Glück, dass sie da sind. Unglaubliches wird sich hier gleich abspielen, und viel müssen sie nicht wissen dazu, nur das:
Vulkan liebt die Venus, Venus liebt den Mars, und Mars liebt alles, was gut aussieht, weiblich ist und zwei Beine hat. Und Götter sind sie alle drei. Ach, und Venus ist Vulkans Frau.
IONKLEUS fängt an, die imaginären Vorhänge innerhalb der Baldachinvorhänge am Gestänge des Baldachins zu befestigen.
IONKLEUS Vulkan liebt sie wirklich, müssen sie wissen. Bei den andern beiden weiß man's ja nicht so genau, aber Vulkan ist der Venus treu ergeben vom ersten Tag an, da kann man sagen, was man will.
VULKAN (meldet sich in Ionkleus' Walkie Talkie) Achtung, Zielobjekt nähert sich mit raschem Tempo! Entfernung aktuell: 53 Meter. Wie sieht's aus im Schlafzimmer, Ionkleus?
IONKLEUS (nimmt sein Walkie Talkie in die Hand) Alles klar bei mir, Vulkan, bin gleich fertig (steckt es wieder weg).
Bei der Venus ist das Ganze natürlich anders. Wenn sie als Göttin schon für die Romantik zuständig ist, dann muß sie sich auch entsprechend verhalten.
Na ja, ein bisschen liegt's sicher auch am Vulkan. Er hat nicht nur Qualitäten, wenn sie wissen, was ich meine.
Aber, bitteschön, was hat Romantik mit Treue und Beständigkeit zu tun. Allein schon deshalb hat Venus mit dem Mars was angefangen.
Lachen im Hintergrund
VULKAN Achtung, Zielobjekt auf 33 Metern, 32, 31, halt, entfernt sich wieder, 32, 34, jetzt bleibt er stehen, na wartet, euch wenn ich -, setzt sich wieder in Bewegung, 32 Meter, 31…
IONKLEUS Vulkan hat ohnehin lang gebraucht, bis er hinter die Sache gekommen ist. Eigentlich haben's alle vor ihm schon gewusst. Na ja, der Jüngste ist er ja auch nicht mehr.
VULKAN Zielobjekt jetzt bei 26 Metern, trinkt Wein aus zwei Amphoren – die mir irgendwie bekannt vorkommen, he, verdammt, das sind ja meine Amphoren! Ich frage mich, wie die hierher gekommen sind. Na wartet, das wird alles ein Nachspiel haben!
IONKLEUS Ich muss mich beeilen!
Aber versuchen sie mal, sich vorzustellen, wie's in Vulkans Innerem jetzt aussieht. Immerhin geben die Götter sich alles doppelt, Freud wie Leid. Die Lust will Ewigkeit, und so will's auch der Frust natürlich.
Na ja, was Vulkan im Moment will, ist vor allem Rache.
VULKAN Heda, Ionkleus, red nicht rum! Sieh lieber zu, dass du fertig wirst. Zielobjekt bei zwanzig Metern, nimmt Tempo auf!
IONKLEUS hat den Vorhang befestigt.
IONKLEUS So, fertig.
Ich hab's ihm auszureden versucht. Romantik und Sprunghaftigkeit sind Schwestern, treu im Geist und nicht zu trennen. Ein Gott in seinem Alter sollte das langsam wissen irgendwie. Aber auf dem Ohr ist Vulkan taub.
Dafür hat er jetzt das unsichtbare Netz geschmiedet, das ich hier grad aufgehängt hab. Auf die Art will er die beiden vor den andern Göttern bloßstellen.
Na ja, dass er sich nicht mehr dran hindern lässt, steht mal fest. (sieht sich um, wartet. Er nimmt sein Walkie Talkie in die Hand, will hineinsprechen)
Ich hab's oft genug versucht.
VULKAN Achtung, sie kommen! Zehn, neun, acht,… (zählt durch bis Null)
IONKLEUS Jetzt muss ich aber weg!
Ich such indes nur kurz das Weite,
und kehr' sogleich zurück, an Vulkans Seite.
IONKLEUS ab, Auftritt VENUS und MARS.
Die beiden stürzen auf die Bühne, schäkern und scherzen, tauschen ungestüm Zärtlichkeiten aus.
VENUS Ist er weg?
MARS Ich glaub schon.
Sie klettern auf das Bett, verschwinden hinter den Vorhängen, fahren fort.
Auftritt VULKAN, IONKLEUS
VULKAN hinkend. Er trägt am Körper ein Walkie Talkie, in der Hand eine handliche Rotweinamphore.
IONKLEUS Willst du nicht doch noch mal drüber nachdenken, Vulkan? Ihr könntet die Sache doch irgendwie einfach normal regeln. Ich hab echt Befürchtungen, dass die Sache nach hinten losgeht.
Ich hab neulich einen Traum gehabt, ich will gar nicht drüber reden, wir standen wie die Deppen da...
VULKAN Glaubst du, die können mich zum Narren halten?!
IONKLEUS Na, die nicht!
VULKAN Glauben wohl, ich merkte nichts!
Nehmen an, ich wär dement, wär blöd, wär Opfer tück'scher Plaques und Kalkablagerungen in Ganglion und Hippocampus, meine Rezeptoren ausgebrannt, mein Frontallappen Kompott. Glauben, ich hätt ein Rotweinproblem. Ich, ein Gott!
VENUS Hast du das gehört?
MARS steckt den Kopf hervor.
VENUS Was ist los?
MARS Ach, laß ihn, der ist besoffen.
VENUS, MARS wieder hinter den Vorhang.
VULKAN konzentriert, trinkt, zieht sein Walkie Talkie heraus, betätigt es in der Art einer Fernbedienung.
VENUS Laß mich. Ich kann nicht, wenn er zusieht dabei.
VENUS versucht, MARS aus dem Bett zu werfen.
MARS He, warte, ich komm nicht durch. Da ist was im Weg.
VENUS Was?
MARS Ich weiß nicht. Irgendein Netz. Ich komm nicht durch.
VENUS greift über MARS hinweg.
VENUS Das ist wie Metall. Wie ein Netz aus Eisen. Bloß anders. Das muß mein Mann gemacht haben. Dieser –
VULKAN (umkreist das Bett) Jaja – da schaun sie, was, die beiden?
Vulkan hat ein Netz gesponnen fein,
feiner noch als Seide aus Fernost,
und doch ist's prüfbar von metall'ner Konsistenz,
ein Faden, dessen Querschnitt
meßbar nur in Nanometern,
auf einer Legierung Fundament,
die niemandem bekannt bisher,
selbst Jupiter und den Giganten nicht.
Mit einem Wort:
Das Ding ist wieder einmal Vulkans Werk.
Entwickelt und entworfen hab ich's,
letztes Wochenende erst,
mit festem, jugendlichem Arm
und ohne Hülf' von anderer Seit!
Ihr habt geglaubt, ich wär dement, ja?
Wär Opfer tück'scher Plaques und Kalkablagerungen?
Du wissest, Venus, Aphrodite, Liebesgöttin
(ein bessrer Nam fortan wär: Untreu-Göttin!),
du wissest, Aphrodite,
meine Ohren waren offen stets
für alle Kümmernis von deiner Seit.
du hattest Redefreiheit allezeit,
hattest wünschen, shoppen können, allezeit,
wieviel Schmuck, Geschmeid, Accessoires allein
hab ich verfertiget,
mit eh'rner Mannesfaust geschmiedet,
geformt, gewalzt, gepresst, gedengelt
mit festem, jugendlichem Arm
und ohne Hülf – von Ionkleus abgesehen,
der keine Hilfe ist.
Allein wie viel Halsketten?
Ionkleus, nachschauen!
IONKLEUS zieht ein Notizbuch hervor, sucht darin.
VULKAN Siebzehnfuffzig? - Mehr? –
Ach, ich weiß es selbst nicht mehr!
IONKLEUS Also, ich würde sagen, eher zwei Mille als siebzehnfünfzig, Vulkan.
VULKAN Und dieser Depp von einem Gott,
mit dem du deine Stunden teilst –
Gott des Krieges heißt man ihn –
er ist stolz drauf, nehm ich an.
Angenehm muß das Gefühl sein,
faul zu sein, und dann, wenn los es geht,
des Gegners Stirn mit harter Stiefelspitze einzutreten.
Zuzutreten und zu schlagen, dass nichts mehr bleibt
als Terror, Trauer, Tränen,
Trauma, Tollheit, Todesqual,
Tyrannis und –Verwüstung!
Es existieren Lehren, die pred'gen Maß, Zurückhaltung,
Einhaltung des allgemeinen Rechts.
An manchen Tagen ließ es sich zurückhalten,
nicht wahr, man müßte halt nur wollen,
nicht wahr, du Kriegergott,
du eines Esels, du eines Wasserbüffels Hinterteil!
In deinen Hintern treten könnt ich dir!
Und ich Unglücksvogel schmied ihm auch noch
die Rüstung zusammen!
VULKAN hält inne, beginnt dann wieder von Neuem
VULKAN Bevor du kamst,
hat Venus mich geliebt, wir waren glücklich –
ein Paar,
girrend, kosend, Mann und Frau,
getraut vom Pfarrer auf Volcano.
MARS Ach du meine Güte, hört der denn nie auf!
VULKAN Aber wartet nur.
Nichts, es sei denn Vulkan selbst,
löst euch aus diesem Netz raus.
Den besten Schmid auf Erden nennt man mich,
der Schmiede ersten General,
schreck auch vor Hi-Tech nicht zurück.
Und jetzt lass ich die Götter holen.
So mach ich euch zum Spott-Grund des ganzen Olymps.
Ionkleus, die Götter!
IONKLEUS –
VULKAN Hol die Götter!
IONKLEUS dienert, ab.
VULKAN Ja, kommt rüber, wie Galgenvögel fliegt, um teilzuhaben an diesem oberpeinlichsten aller Schauspiele!
VENUS Hörst du, was er machen will? Er ruft die Götter! Vulkan, bitte! Laß uns doch nochmal reden! Ich geh Eisenklopfen für dich. Ich grill dir Ziegenschenkel ab sofort, jeden Tag zum Frühstück! Ich mach auch Blutwurst, wenn du magst!
MARS (zündet sich eine Zigarette an) Ach, lass ihn. Was will er denn machen. Jupiter hat mir Immunität zugesichert, solang er an Mathilda rankann. Irgendwann muß er uns wieder rauslassen.
VENUS Was?
MARS Ach, reg dich ab.
Auftritt IONKLEUS.
IONKLEUS wieder an Vulkans Seite.
Im Rückraum einige Lichter aufkommend, die Götter voll elysischer Fröhlichkeit. Gleichzeitig lauter werdend, Musik: Gerardo Frisinas Remix von Frank Hernandez' "Baby Chickens".
Die Götter sind angekommen.
VULKAN Ja-Ha, Augen auf, Kollegen!
Seht sie euch an, die beiden!
Unnötig zu sagen, wer:
Venus ist's, und Mars, der Schurk.
Fest im Glauben,
mich ohnbeobachtet zu hintergehen,
bestiegen sie mein Ehebett.
Ein Küssen hier, ein Zwicken da,
mehr zum Glück ist nicht passiert seither,
meinem Aug und meiner Wachsamkeit sei Dank,
hab ich doch aufgepaßt,
'nem Setter, einer Deutschen Dogge gleich,
dass die dinge hier nicht aus dem Ruder laufen.
Ja – ja, zu früh warf Licht ich
auf ihr Dunkel falscher Sicherheit,
aufgelauert hab ich ihnen,
Äonen schon laur' ich den beiden auf,
und jetzt, ja, ja, jetzt schaut ihr, was?
Ja, ja –
fünf Minuten zwölf sind sie schon drin jetzt...
Ist's nicht zum Lachen?
Ich könnt kotzen, so lächerlich ist das! Sie haben geglaubt, ich hätte nichts gemerkt, ich wär dement, wär blöd, wär Opfer tück'scher Plaques und Kalkablagerungen. Doch Äonen schon schau ich den beiden im Geheimen zu, hab Listen mir ausgedacht. Mit Erfolg, mit offenkundigem Erfolg. Na klar. Jeder Schwachköpfige sieht das. Man braucht nur nachzuschaun...
Ihr lacht wieder nur?...
Die Götter entfernen sich.
MARS Jetzt komm schon, Vulkan. Ihr habt euren Spaß gehabt. Wir sind bis jetzt ja nicht dazugekommen.
He, Winnetou! Lässt du uns jetzt langsam mal raus?
VULKAN zieht sich ins Abseits zurück.
Das Licht hinter dem Bett verändert sich.
VULKAN Kannt einst ein altes Mütterlein,
ohn' Zähn', fünf Haar' maximal auf'm Kopf,
buk täglich weichen Kuchen mir,
zu schonen meinen Magen, der reizbar und empfindlich worden,
gebar zween Söhne mir, Van und Kul,
nutzlos beide, Rocker der eine, Talkmaster der andre,
was will man mit solchen Nachkommen,
wie Beckenbauer brauch ich Söhn,
werd Söhn ich zeugen,
bis einer meines Schlags die Erd mit Donnerschlag betritt,
ein Dribbelkünstler, Libero,
der Flanken schlägt von 120 Metern,
mit Bayern Meister wird…
MARS unternimmt einen weiteren Versuch, aus dem Bett herauszukommen, und dieses Mal gelingt es ihm ohne Schwierigkeiten. Fertig angezogen tritt er heraus. Er hält VENUS die Hand hin. Auch diese tritt nun angezogen aus dem Bett heraus.
Rasch verlassen die beiden die Bühne, MARS zielstrebig, VENUS zögernder. Kurz sieht sie sich nach Vulkan um.
Auch MARS dreht sich noch einmal um.
MARS Arsch sagt der zu mir. Selber Arsch.
VULKAN wirft MARS seine Amphore hinterher.
Abdunkeln.
IONKLEUS beginnt, auf einer Blockflöte eine Weise zu spielen (Vorschlag: Stille Nacht).
Finis
Labels:
Beckenbauer,
Drama,
Mythologie
Abonnieren
Posts (Atom)