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Montag, 28. Februar 2011

Gottes Finger




Early work, entstanden um '99 herum. Der auftauchende Odysseus war ursprünglich Jesus, wenn ich mich recht entsinne, und wurde dann mit schlechtem Gewissen entfernt.




Gottes Finger


Groß sind die Taten der Menschen, und ohne Zahl die Gesänge, die jene besingen!
Betrachten wir nur einmal den lauen Augustabend des Jahres 20XX, an dem es den Erfindern Trepswill und Melo Schaukelberg auf beispielhafte Weise gelang, der menschlichen Erkenntnis zu einem weiteren, vielleicht sogar zum entscheidenden Schritt nach vorne zu verhelfen.
An diesem Augustabend testeten die beiden vielversprechenden, angehenden Ingenieure in ihrem kleinen Neuperlacher Hochhausappartement zum ersten Mal ein Gerät, das die beiden zuvor aus bescheidenen Mitteln und ohne jede Hilfe von außen konstruiert hatten, den legendären Praeteriter-Projektomaten, den ersten Projektor in die Vergangenheit von Zeit und Raum.
Die Geschichte dieser denkwürdigen Erfindung ist schnell erzählt. Sie fing an mit einem langweiligen Nachrichtentechnikpraktikum. Wichtig waren überdies ein paar Stunden in der Universitätscafeteria, eine zerfetzte alte Spiegel-Ausgabe mit einem Kommentar von Rudolf Augstein und eine ramponierte Fernsehröre, die der Großvater den beiden Erfindern vermacht hatte. Es kostete die beiden Erfinder nicht einmal einen Tag, um aus der Idee ein tragfähiges Konzept zu gestalten, die Ausführung des Plans bedeutete schließlich nur noch drei Monate Tüftelei.
Dadurch, dass er der Menschheit auch die letzte Illusion über sich selbst nahm, beeinflusste der Vergangenheitsprojektor das heutige Menschenbild auf nachhaltige Weise. Erst dieser Apparat machte es dem Menschen möglich, festzustellen, wie jeder beliebige Augenblick der Geschichte tatsächlich stattfand. Die reife und aufgeklärte Menschensicht der heutigen Zeit wäre einfach undenkbar ohne die Möglichkeiten des Vergangenheitsprojektors.
Jener laue Augustabend in Neuperlach, an dem die beiden Erfinder ihren Praeteriter-Projektomaten zum ersten Mal testeten, fand Eingang in die menschliche Geistesbildung. Die Ereignisse dieses Abends, an welchem die beiden Brüder sich aufmachten, die letzten Geheimnisse der Menschheit und des Universums zu erschließen, sind allgemein bekannt, und zahllos sind die Künstler, die sich an deren Interpretation versuchten. Am bekanntesten vielleicht ist die umstrittene Landshuter Inszenierung des alt-symbolistischen Dramatikers Giorgio Schwarzenbeck, dessen endgültige Skriptfassung hier nun in einer hervorragend edierten Neuauflage vorliegt:



Der Ort:
Neuperlach, ein typisches Hochhaus der Bauperiode 20XX – 20XX.
Wir befinden uns im siebten Stock, in der Wohnung der Zwillinge Will und Melo Schaukelberg. Es ist Nacht und durch die staubigen Fenster dringt nichts als die verheißungsvolle Dunkelheit der Nacht und das Blinken einiger, weniger Sterne. Die Wohnung ist unaufgeräumt. Über den Boden verstreut liegen Teile von Glasfaserkabeln, Hochleistungschips, haufenweise Geschichtsbücher und ausgeschlachtete Computerplatinen.
Zentral in der Mitte des 30-Quadratmeterraumes steht ein schwerer, handbehauener Eichentisch, worauf wiederum ein großer, grauer, angerosteter Blechkasten und darauf eine alte 22-Zoll-Fernsehröhre stehen. Vor dem Tisch aufgestellt zwei beigefarbene Leinen/Fichte-Regiestühle, der linke mit Willi, der rechte mit Melo beschriftet. Melo fläzt sich in seinem Stuhl, während Will sich, am Tische stehend, mit dem Projektomaten beschäftigt. Beide sind etwa 1,60 Meter groß, Mitte 20, tragen weiße Schnauzbärte, braune Cordhosen und raue weiße Baumwollhemden. Ihre zerrauften, weißen Kopfhaare stehen in alle Richtungen davon.
Die letzten 38 Stunden haben sie ohne Pause in Wechselschichten durchgearbeitet, nun sitzen und stehen sie vor dem vollendeten Meisterstück. Beide stehen sie vor einer Frage…

WILL dreht mit dem Fingernagel eine Schraube am Blechkasten fest So, fertig atmet durch Du, Melo, das ist schon ein tolles Gefühl, was?
Sein Blick fällt auf eine am Boden herumliegende Geige. Er bückt sich, hebt sie vorsichtig hoch und legt sie auf den Tisch.
Melo streckt seine Zunge weit nach unten.
MELO gähnt Ja, aber ich hab’ Hunger, Willi.
WILL Willst du’s nicht erst ausprobieren?
MELO Nee, also, du, ich muß erst mal was essen.
WILL Na schön, wie du meinst.
Melo erhebt sich mit knackenden Gelenken aus seinem Stuhl und die beiden schlurfen gähnend und sich streckend zum Nebenraum, der nicht sichtbaren Küche, worin sie verschwinden.
Fünf Minuten später:
Will und Melo erscheinen im Türrahmen zur Küche, beide mit angebissenen Käse-Mortadellasemmeln in ihren Händen. Sie schlurfen zurück zu ihren Stühlen.
WILL während er, seine Semmeln balancierend, Zentraleinheit und Fernsehröhre einschaltet, mit vollem Mund Wie willst du’s denn nennen?
MELO setzt sich Wie wär’s mit -ähm- Präteriter-Projektomat?
Flimmernd springt die Fernsehröhre an.
WILL setzt sich Hört sich gut an.
PROJEKTOMAT Hierr bin ich!
Auf dem Fernsehschirm erscheint eine Parklandschaft bei Nacht
MELO Das ist der Münchener Englische Garten.
WILL Ja, soweit ist alles in Ordnung.
MELO Na, dann mal los. Computer!
PROJEKTOMAT Mein Herr?
MELO Wie sieht’s aus, stimmt die Software jetzt?
PROJEKTOMAT Ja, Herr, mein Programm für Vergangenheitsbewältigung ist nun lauffähig. Danke der Nachfrage.
MELO Du kannst uns also überall hinbringen?
PROJEKTOMAT Mein Generalsucher findet jeden Punkt der Vergangenheit. Ob dazu nur eine zeitliche oder auch  eine räumliche Verschiebung notwendig ist, macht dabei keinen Unterschied.
MELO Willi, du bist ein Genie!
PROJEKTOMAT Meine Herren, ich stehe ihnen mit zwei Varianten meines Programms zur Verfügung. Wünschen sie einen besonderen, in der Vergangenheit liegenden Punkt mitzuerleben, oder eine Zeitreise per Zufallsgenerator?
MELO In der Vergangenheit liegender Punkt? Hört sich nicht schlecht an, Mann.
WILL Also, bevor du jetzt gleich wieder mit Beckenbauer kommst, würde ich vorschlagen, erst mal den Zufallsgenerator.
MELO He, hast du etwa was gegen den Kaiser!
WILL Ich hab nicht nur was gegen den Kaiser, er geht mir unglaublich auf die Nerven!
PROJEKTOMAT Sie sind sich also einig, meine Herren! Eine Reise per Zufallsgenerator. Ich denke, dies kann der Stimmung hier im Raume nur ein Gutes tun.
MELO Ist ja gut, dann in Gottes Namen eben ‘ne Zufallszeitreise!
PROJEKTOMAT Sehr wohl. Ihre Einsicht, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, zeugt von ihrer Vernunft, Herr von Schaukelberg.
Das Fernsehbild verändert sich plötzlich. Die Parklandschaft verschwindet. Flirrende Zeitbilder, collagenhaft, wild, unglaublich stark in ihrer kreativen Wirkung. Will und Melo machen es sich in ihren Stühlen gemütlich.
PROJEKTOMAT Leimen, 1983.
MELO He, Boris Becker als Schuljunge!
BORIS BECKER Schau, Günther, ich hab ‘ne Blase am großen Zeh.
GÜNTHER BOSCH sonnt sich im Liegestuhl, trinkt mit seiner Freundin gerade einen Manhattan Und, soll ich jetzt pusten, oder was?
BORIS BECKER wendet sich mit hängendem Kopfe ab Nein, Günther...
Das Fernsehbild ändert sich erneut. Flirrende Zeitbilder, collagenhaft, wild, unglaublich stark in ihrer kreativen Wirkung.
PROJEKTOMAT 1910!
WILL Was ist das? Ein Typ auf dem Bett. Liest seufzend ein Buch.
PROJEKTOMAT Adolf Hitler liest einen Schundroman.
MELO Mm, daf ifp Hipler!
Die Brüder essen ihre Semmeln nun wie in Zeitraffer, ebenso bewegen sich die Bilder auf dem Fernsehschirm mit hoher Geschwindigkeit immer tiefer in die Vergangenheit. Während sie ihre letzten Bissen schlucken, bewegen sie sich mit einem Ruck wieder in Normalgeschwindigkeit weiter. Auf dem Schirm ist eine karge, hügelige Landschaft zu sehen.
MELO Und was ist das? Ein Hügel oder was?
PROJEKTOMAT In wenigen Sekunden tritt der Odysseus, erfindungsreich und mit nervichten Armen, hinter dem Hügel rechts vorne hervor.
WILL Mm, erfindungsreich.
MELO Yeah, nervichte Arme!
Das Bild ändert sich erneut. Flirrende Zeitbilder, collagenhaft, wild, unglaublich stark in ihrer kreativen Wirkung.
MELO Das Meer.
PROJEKTOMAT Die Sündflut.
WILL Wow. So viel Wasser.
MELO Ja, gut, die Sintflut also, aber weißt du Willi, was ich jetzt mal sehen will?
WILL Also, wenn du jetzt mit Becken-
MELO Nein, nix Kaiser, Willi, ich will den Anfang.
WILL Den Anfang von was?
MELO Den Anfang von allem...
WILL Des Universums?
MELO Ich will den Urknall, Mann!
WILL Wow, knifflig.
PROJEKTOMAT Ich verstehe…
Wieder verändert sich das Bild auf dem Fernsehschirm, doch diesmal ist das Tempo rasend. Plötzlich wird das Bild schwarz, es ist das All, anfangs noch ferne zu sehen, die Sterne, und die urzeitlich rotglühende Erde am linken Rand. Dann verschwimmt alles in gelbglühend-dickflüssigen Nebeln. Plötzlich ziehen die Nebel sich zusammen, bilden schließlich einen winzigen lila Punkt, ein Schatten erscheint, dann herrscht völlige Dunkelheit.
PROJEKTOMAT Meine Herren, hier enden Zeit und Raum, und hier endet mein Programm. Im Nichts besitze ich keine Fähigkeiten.
MELO He, halt, das kann doch nicht alles sein.
PROJEKTOMAT Mein Herr, es war der Urknall, was wollen sie mehr?
MELO Na, ich weiß auch nicht, irgendwas Großartiges.
WILL Hast du den Schatten gesehen?
MELO Was für einen Schatten?
WILL Na, kurz vor dem Urknall.
MELO Ich hab nichts gesehen.
WILL Computer, nochmal vor, bis einen Moment vor dem Urknall, und dann in Zeitlupe zurück.
PROJEKTOMAT Einen Augenblick.
Kurz erscheint ein Schatten auf dem Bildschirm, dann ein winziger lila Punkt, der sich blitzschnell expandiert, dann stoppt das Bild. Der Punkt zieht sich langsam wieder zusammen, bis er von neuem winzig klein ist, ein großer Zeigefinger taucht auf, der auf den Punkt deutet.
WILL UND MELO Halt! Stop! Anhalten!
Das Bild hält an. Der Punkt ist zu sehen, dazu der Zeigefinger, so lang wie der halbe Bildschirm, seine drei Glieder schön ausgebildet, endend mit einem glatten Schnitt im Grundgelenk, der Fingernagel wirkt sehr gepflegt.
MELO Mist, verdammter...
WILL Das ist Gottes Finger, Mann.
MELO Du hast recht.
WILL Und weißt du, was das bedeutet?
MELO Er muss riesig sein!
WILL Weißt du, was das heißt?
MELO Computer, wie groß ist dieser Finger!
PROJEKTOMAT Um es plastisch auszudrücken, mein Herr, der Fingernagel ist so breit wie die doppelte Strecke zwischen Milchstraße und dem größeren der beiden Magellan-Nebel.
MELO Das ist gewaltig!
WILL Aber weißt du, was das bedeutet, Melo?
MELO Schitt, keine Ahnung. Dass Gott nur einen Finger hat, oder was?
WILL Nein, das ist der Beweis.
MELO Was, wofür?
WILL Dass Gott - der Anfang - von allem ist!!
MELO Mensch, du hast recht. Da-das ist die Antwort...
BEIDE feierlich Die Antwort aller Fragen.
Für einige Momente betrachten die beiden Gottes Finger.
MELO erhebt sich mit knackenden Kniegelenken Ich sag dir was, Willi. Die nächste Flasche sauf ich auf den Riesenfinger, auf ex.

FINIS


Freitag, 20. August 2010

Wie wir uns kennen lernten - Teil 1


 
Vermutlich rundeste und geschlossenste der mit einem Kommentar aus dem 21. Jahrhundert und mit dem Titel "Aus der Welt des 21. Jahrhunderts" versehenen Arbeiten.
Schauplatz der Handlung: Eine reaktionäre Beziehungsagentur in der Zukunft.
Passagenweise die Gag-Dichte sehr hoch, sogar ein Beckenbauer-Witz wurde lohnend und nicht ohne Doppelbödigkeit untergebracht.
 

Aus der Welt des 21. Jahrhunderts


Wie wir uns kennenlernten

Es war ein traumgleicher Sommermorgen. Ich saß im Speisewagen des Schnellzugs München-Augsburg und hielt, während die Kellnerin mir das Frühstück servierte, meinen Blick aus dem Fenster gerichtet. Die Sonne, die sich im Osten gemächlich über den Horizont erhob, tauchte die Landschaft in verzaubertes Licht. Kleine verschlafene Dörfchen zogen vorüber, üppig goldene Weizenfelder, hochgewachsener Mais, dessen Kolben, Zeichen ihrer angehenden Reife, wie kümmernde Ärmchen schräg in den Himmel ragten.
Aus den Lautsprechern zwitscherten Vögel fröhlich ihr Morgenkonzert.
Die Kellnerin gefiel mir. Fachmännisch schenkte sie mir meinen Schonkaffee ein. Geübt bediente sie den Eierköpfer. Ihr Lächeln war keineswegs geheuchelt, es kam von Herzen, wie ich mit der untrüglichen Menschenkenntnis, wie sie allen wahren Vertretern meines Berufsstandes zueigen ist, sofort erkannte.
Sie gefiel mir ausnehmend gut. Schlank, großgewachsen, die Hüften schmal, der Haaransatz ungewöhnlich kräftig. Ihr Gesicht umgab eine Aura von Zeitlosigkeit. War sie erst zwanzig, gerade eben beginnend, die Welt um sich und ihren Körper bewusst wahrzunehmen, oder war sie fünfzig, in der Seele gezeichnet von zahllosen Erlebnissen, Abenteuern, Enttäuschungen, schmerzvollen Erfahrungen und Leidenschaften, die selbst den Ansprüchen einer Fürstin Genüge geleistet hätten?
Ich betrachtete ihre Stirn, die glatt und zart war, jedoch keine Codenummer trug. Die Schöne schien somit keiner Agentur anzugehören und war momentan wohl vergeben...
Oh, glückseliger Unbekannter, der du diese Perle fandest unter der Unzahl  unwürdiger Möchte-nun-auch-so-sein-Damen!!
Während ich mit genussvoller Langerweile mein Frühstück verzehre, durchquert der Zug die Vororte von Augsburg. Harmonisch fügen sich die alten Kleinbürgerhäuslein mit den neuerrichteten Solarblöcken und Ladenzeilen zu einem Herz und Gemüt ansprechenden Äußeren. Die Sonne leuchtet bereits kräftig durch die Straßen und der Himmel, weißblau wie unsere Landesfarben, lässt den nachdenklichen Menschen sich erinnern an vergangene, bessere, selbstbewusstere, an königliche Zeiten.
Mit beendetem Frühstück fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Ich nahm Aktenkoffer, Trench-Coat, warf meine Lodenjoppe über die Schulter, wanderte gelassenen Schrittes zur Waggontür und stieg aus.
Eine milde Brise wehte über den Bahnsteig. Geschäftsleute tummelten sich und schlugen rasch den Weg zu den Taxis ein, blutjunge Tramperinnen und Studentinnen warfen sehnsuchtsvolle Blicke auf Männer, die nach dickem Porte Monnaie rochen. Auch ich fiel ihnen sofort in die geschminkten Augen.
Hübsche Häschen, dachte ich mir, mehr aber auch nicht.
Natürlich wusste ich, dass all die Backfischchen, die am Bahnhof herumhingen, zu schlecht für die Agenturen waren, oder einfach drogenabhängig. Immerhin, einige konnten es gut vertuschen. Wer weiß, wenn ich bei Lulu nicht fündig würde, vielleicht würde ich des Abends mit einem dieser bitter-süßen Käferchen noch einen Blick ins Foyer des Intercity-Hotels werfen.
Ich schlenderte, tief die gute, würzig-bayerische Luft einatmend, zum Kiosk und kaufte mir ein Päckchen Monarch-Zigaretten. Schon beim ersten Zug wurde mir mit erschütternder Klarheit bewusst, wie sehr diese südbayerische Marke für mich Heimat bedeutete, wie viel mir die Heimat selbst bedeutete.
Ich stieg die Treppe vom Ausgang zum Vorplatz hinab. Die beiden Löwen, die wachend zu Seiten der Treppe mit bedrohlich aufgerissenen Lefzen saßen, ließen mich lächeln, gaben mir aber auch unbewusst ein Gefühl von Sicherheit, ähnlich wie jene altersweisen, freiheitsmutigen Leun der mächtigen Münchener Feldherrnhalle, die nun schon seit Jahrhunderten die dort thronenden, glanzvoll in Bronze gegossenen Heerführer behüten.
Auf einen Wink von mir schnurrt ein Taxi heran.
"Zu Madame Lulu." sage ich, und die Chauffeuse, eine etwa siebzigjahrige Brünette mit dem Ehrenzeichen der Kling-Agentur, steuert mit geübten Handgriffen auf die Straße.
Nach etwa einer Minute zurückgelegten Weges durchqueren wir den neuangelegten Ingeborg-Ränderbländel-Park. Mächtige Königssequoyas stehen hier in geschmackvoller Anordnung neben Lindenbaum, Ahorn und der Hecke, dem Lieblingsbaum unseres ehemaligen Kaisers Franz Beckenbauer.
Inmitten dieses von sattem Grün und Braun träufenden und von hoheitlichem Weiß-Blau beschimmerten Idylls kreuzt mein Taxi eine Gruppe etwa hundertundfünzig edler Laufmädel. Sie alle tragen die goldfarbenen Höschen und Stirnmale der Agnetha-und-Anathefka-Agentur, einem der besten Häuser hier am Platz. Sittsam wippen ihre maßgerechten Brüstchen im Takt des federleicht hüpfenden Gleichschritts.
Für einen Moment verliere ich mein Ziel aus den Augen...
Aber nein! Diese Görls kenne ich zur Genüge. Sicher, gut erzogen, internationales Flair, sehr genügsam oft, aber wie schnell wird man ihrer müde! Wie schnell wird man doch gewahr, dass ihre Heimat ganz woanders liegt, dass in ihren schlanken Körpern ein schales Feuerchen brennt, das beständig und immer stärker ruft: Nach Hause!! Sie sehnen sich nach einem Leben, das ihrer Geburt, ihrem Volke entspricht, nach einem leichteren Leben, einem Leben, das weniger von Schwere, Disziplin und hoher Geistigkeit bestimmt ist, das weniger im übermächtigen Licht unserer Heimat und der göttergleichen Kunst Richard Wagners besteht. Es ist wahr, nur die wenigsten sind hierzu geschaffen, die allerwenigsten sind Frauen und leider, fast nur die bayerisch-deutsche Frau ist dazu fähig.
Zwei Minuten später und die Länge einer Monarch weiter erreicht der BMW das alte Fugger-Haus, den Sitz Madame LuLus.
Ich bezahle großzügig, wissend, mit welchen Renten die Ladenhüterinnen der Agenturen abgefertigt werden, die Portiere eilt herbei und öffnet schwungvoll, aber nicht überhastet die Türe.
Ich steige aus.
"Grüzi, der Herr!" sagt die Portiere ganz unbekümmert, ihren Schweizer Akzent selbstbewusst nicht mit Schriftdeutsch überschattend. Das Mädel gefällt mir!
Ich stelle mich vor, zücke bescheiden meine Karte.
"Madame empfängt sie persönlich." spricht die Portiere mit niedergeschlagenen Augenlidern. Ich lächle, begebe mich zum Eingang, das Mädel folgt unauffällig. Im Umdrehen lese ich noch den Namen neben der Codenummer auf ihrer Stirn. Vreni! Ich möchte sie küssen.
Man erkennt LuLus Erziehung. Vreni spürt meinen Wunsch. Am Eingang angelangt reckt sie mir bescheiden ihre geöffneten Lippen entgegen. Ich küsse sie lang und fest, gebe großzügig Trinkgeld und schreite ins Haus. Vreni wendet, mit makellos weißen Zähnen lächelnd, ihr zöpchenumspanntes Köpfchen und harrt pflichtbewusst der erwarteten Kunden.
Am Empfang erwartet mich bereits Madame LuLu, ihr zur Seite die knackig rothaarige, sommerbesprosste Empfangsdame.
"Mein 'err, wie schön sie wiederzusehen." ruft Madame voll Entzücken und drückt mir hochachtungsvoll Küsschen auf beide Wangen.
"Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Madame." erwidere ich, indem ich mich halb verbeuge.
Sogleich führt Madame LuLu mich in den Salon und erkundigt sich diskret nach dem Grund meines Erscheinens, während sie oberflächlich ganz charmant über Industrie-Katalysatoren plaudert. Ich gebe bereitwillig Auskunft.
Wir nehmen beide in den bequemen, mit rotem Sammet überzogenen Sesseln Platz, indessen Madame über ein in ihrer Frisur verborgenes Mikrofon kurze, prägnante Anweisungen gibt.
Die fünf Sitzreihen, die aus fünfundzwanzig bequem verteilten, identischen Sesseln bestehen, sind leer, bis auf die beiden von uns occupierten Sitze und einem Platz in der letzten Reihe, in der ein völlig betrunkener Finne mehr liegt als sitzt. Madame und ich ignorieren ihn. Ohne uns darüber verständigen zu müssen, wissen wir beide: Nur sein Geld brachte ihn hierher.
Vor uns liegt der Laufsteg, fünf Meter breit, siebzehn Meter lang, Parademaß, ausgelegt mit azurnem Atlas und aufgespritzten weißen Farbklecksen, die Nationalfarben des Vaterlandes. Madame durchschaut meinen Blick, sie weiß, ich schätze ihren Stil, obwohl sie gebürtige Französin ist.
In diesem Moment hebt aus dem dezent verborgenen Lautsprechersystem gepflegt swingende, an klassische Zwiefache erinnernde Agenturmusik an. Ich erkenne Bewegungen hinter dem Vorhang, und schon tritt die erste Kandidatin heraus.
"Bettina!" flüstert mir LuLu ins Ohr."Ich biete sie erst seit zwei Tagen im Hauptprogramm an, und lang wird sie wohl nicht mehr bleiben..."
"Das kann ich mir lebhaft vorstellen." pflichte ich bei, indem ich ruhig meine Unterlippe knete und im Geiste Bettinas Maße nehme. Excellente Qualität. Lang, blond, ein Lächeln wie ein Sonnenaufgang im Hochgebirge. Der Dirndlbikini steht ihr vorzüglich.
"Was kann sie so?" frage ich betont unbeteiligt, während Bettina sich schwungvoll und mit gutem Rhytmusgefühl vor meiner Nase im Kreise dreht.
"Agraringenieurin." beginnnt LuLu aufzuzählen. "Erbte einen Vierhundert-Hektar-Bauernhof. Seit zwei Jahren Geschäftsführerin der Mieder-Düngemittelwerke AG."
Nicht schlecht, aber wer kann wissen, was noch kommt? Immerhin sind hier Entscheidungen für die "Ewigkeit" zu treffen. Ich setze Bettina auf die Warteliste und LuLu gibt Anweisung, die nächste Kandidatin hereinzulassen.
Der Vorhang fliegt hoch und auf tritt "Brünnhilde", mit wallendem braunem Umhang, brauner Leinenleibwäsche und einer Art Wikinger-Eselskappe.
Noch bevor ich mich vorsichtig räuspern kann, stellt 'Bruni' sich vor mich hin und keift:

                   Oh ja,
                   Ihr seid's wirklich,
                   Mit Knien wie Ambosse
                   Und Muskeln wie unreifes Obst!
                   Was mir an Euch gefällt?
                   Nichts!!
                   Höchstens Eure Hirne, die mit
                               Stecknadeln konkurrieren.

Wutschnaubend und mit Kuhaugen glotzt Brünnhilde mich an.
"Das ist doch nicht ihr Ernst?" wende ich mich so hilfesuchend wie auch unsagbar erheitert an LuLu.
"Nein" lacht LuLu mit vorbildlicher Zurückhaltung und immer noch mit, trotz ihres Alters, attraktiv aufwärts gewölbter Oberlippe. "Brüni ist nur ein Gag. In Wahrheit heißt sie Marlene, ist Schauspielschülerin und verdient sich gelegentlich bei besonders gern gesehenen Gästen durch diese kleine Rolle ein bescheidenes Zubrötchen."
Ich nehme das Kompliment geschmeichelt mit dem Kopfe nickend an und lache schallend los ob dieses köstlichen und überraschenden Uzes.
Marlene verbeugt sich augenzwinkernd und tänzelt hinter die Bühne zurück. Noch völlig erhitzt von Spaß und Effekt der Überraschung erwäge ich, Lulu zu fragen, ob nicht auch Marlene bei Bedarf noch zu werben sei.
LuLu ahnt, woran ich denke.
"Ich bedaure" seufzt sie. "So gern ich sie in mein Sortiment aufnähme, Marlene ist bereits versprochen, an einen entzückenden jungen Schauspieler, der keinen Pfennig in der Tasche trägt."
Ich ziehe fragend eine Augenbraue, aber Madame LuLu bedauert nun entschieden:
"Es tut mir leid, Monsieur Schleif, aber in diesem Fall ist absolut nichts zu machen."
Ich gebe mich sanft lächelnd zufrieden, stecke mir noch eine Zigarette an. Wozu Diskussionen? Frauen sind käuflich! Zu viele Schwestern Madame LuLu's haben mir dies in meinem Leben bereits bewiesen! Doch ich lasse mir nichts anmerken. LuLu spricht neuerlich Anweisungen ins Mikrofon.
Aus LuLu's wissend verkniffenen Lippen schließe ich, dass sie nun ihren größten Trumpf auf die Planche holt und unwillkürlich setze ich mich auf.
LuLu's Ruf als beste Kupplerin im Lande kommt nicht von ungefähr, und wenn sie jemanden so gut kennt wie mich, dann ist sie es, die meine Frau fürs Leben kennt.
Die Scheinwerfer verdunkeln sich, der Vorhang hebt sich. Es erscheint---eine Silhouette zuerst. Der Spot fliegt an.
Schon im ersten Moment bin ich geschlagen, gefesselt, kampflos besiegt, K.O. mit dem ersten Gongschlag.
Dieser Körper, dieses dunkelblonde Haar, unbeschreiblich, ihr Blick, ihr Gesicht...
"Sie, und keine andere!" will ich schon rufen, aber LuLu ist noch im Zweifel und legt gehörig nach.
"Eva!" flüstert sie mit einer Stimme wie Blütenhonig, zu mir herübergebeugt. "Tänzerin, Millionenerbin, bis zum heutigen Tage war nur die Ar-beit, und nichts als die Ar-beit ihr Interesse."
Mir wässern die Mundwinkel. Was will ich mehr? WAS WILL ICH MEHR?
LuLu ahnt das gute Geschäft, geht auf Nummer sicher, setzt noch einen drauf: "Mein 'err, vor ihnen liegt ein unbestelltes Feld..."
"Wieviel?" frage ich mit Maskengesicht, die stieren Augen auf jene beinah biblische Eva gerichtet, die im Handstand gerade einen Spagat vollführt.
"Ich bin mir sicher, wir können eine schnelle Einigung erzielen, Monsieur Schleif, auch wenn eingedenk der hervorragenden humanistischen und musikalischen Ausbildung, welche Mademoiselle Eva genoss, der Preis angemessenerweise sich in höchsten preislichen Regionen bewegen muss."
"LuLu, du kennst meine Brieftasche." sage ich wie paralysiert.
Nun ist Madame zufrieden und klatscht kurz in die Hände, woraufhin Eva ihre Übungen beendet, sich umdreht, ihr Badekostüm aus wenigen Feigenblättern, das ich in diesem Moment wie nichts auf der Welt beneide, im Innern eines ihren Körper umschließenden, rotglänzenden Umkleide-Kaftans ablegt und ihre wichtigsten Körperteile mit rotseidener Leibwäsche bedeckt.

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Wie wir uns kennen lernten - Teil 2



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Die Preisabmachung, jene etwas kindische und dem Gegenstande eigentlich unwürdige Feilscherei, die in allen guten Agenturen Tradition hat, findet in Madames privatem Büro statt.
Dunkelblaue Atlasseide überall von den Wänden hängend, Vorhänge ersetzend, ein Mohr aus purem Gold, auf dessen dargereichtem Tablette köstlichstes Kaufbeurener Konfekt aufliegt, kostbare Drucke von Bosch und Bacon auf ausladenden Staffeleien und an den Wänden hängend, ein Meer von Schmuck und Accessoires, deren Beschreibung Tage und viele Dutzend Seiten in Anspruch nähme.
LuLu spielt mit einer glänzenden, frisch geschmierten Lederknute aus dem alten Rom.
"Eine Million" sagt sie.
"Zehntausend, mein letztes Wort." meine Erwiderung.
"Einhunderttausend!" sagt LuLu und klopft wütend auf den Tisch.
"Ich bitte sie, LuLu." lache ich. "Eva ist eine Frau, sie sind eine Frau. Zehntausend und keinen Pfennig mehr."
LuLu starrt auf ihre Schreibunterlage mit Neuschwanstein-Motif. Sie atmet schwer.
"Zwanzigtausend" knurrt sie wie eine Wildkatze.
"LuLu!" warne ich gebieterisch und packe sie fest mit meiner Linken an ihrem linken Handgelenk. "Ich habe nicht ewig Zeit! Ich bin Künstler."
"Au, sie tun mir weh!" quietscht die immer noch quirlige Französin. "Sie Scheusal! AAArgh!"
"Na gut, zehntausend." keucht sie schließlich.
Ich lasse schnaubend von ihr ab. Manche Traditionen ekeln echte Männer an.
Ich ziehe einen Scheck aus der Tasche, auf den ich bereits vorher den für mich feststehenden Preis notiert hatte.
LuLu bedankt sich und versteckt den Scheck am unsichersten Platz im ganzen Haus, in ihrem weitem Ausschnitt. Ihre Stimmung normalisiert sich wieder.
"Verhandlungen mit ihnen sind für mich immer wieder ein Genuss, Monsieur Schleif." schwärmt sie.
"Der Genuss ist ganz auf meiner Seite." gebe ich noch etwas herrisch, aber schon wieder mit erkennbarem Schalk zurück.
Plaudernd bewegen wir uns in Richtung Ausgang, wo wir kurze Zeit warten müssen, weil Eva sich noch mit Packen beschäftigt. LuLu beklagt sich etwas übers Geschäft.
"Ach," seufzt sie "all die jungen Männer heutzutage, sie glauben, die Auswahl und Erziehung schöner Frauen würde nichts kosten, sie denken, es wäre umsonst, so wie in ihren Computersimulationen!"
"Ja, die Zeiten sind arg." pflichte ich bei.
"Ich musste mir schon Wachmänner anstellen, um meine Mädchen angemessen zu beschützen. Wachmänner sind nicht billig, aber wenn ich daran denke, dass eines meiner Mädchen von einem dieser Schurken entführt werden könnte...in die Mongolei, oder gar nach Sibirien!"
Erst jetzt fallen mir einige Männer, die sich geschickt, mit Maschinengewehren und Panzerfäusten bewaffnet, hinter Bäumen, Hecken und Hausecken verstecken, ins Auge. Niemand würde sie auf den ersten Blick erkennen. Es müssen wirkliche Spezialisten sein. Die Männer an den Hausecken tragen Kleidung und Hautcreme in der Farbe der Hauswand. Ein verblüffender Effekt.
Ja, die Zeiten sind mühsam und schwer, indes: Ist es nicht ein gutes Gefühl zu wissen, dass das sittlich Gute noch immer weit klüger, ästhetischer und gewinnbringender agiert als der Abschaum? Ohne Zweifel würden die Männer jeden verdächtigen Streuner in LuLu's Garten umgehend kaltstellen.
"Und Sandra?" fragt LuLu diskret. "Es hat wohl nicht so gut geklappt?"
Sandra ist meine geschiedene Frau. LuLu hatte sie mir vor etwa drei Jahren vermittelt.
"Nun ja," lächle ich "es war nicht ihre Schuld, LuLu. Man lebt sich auseinander. Wir hatten eine herrliche Zeit, und nun ist sie vorbei. Das Leben geht weiter."
Wir verharren einige Momente in Schweigen.
"Und was macht Sandra jetzt?" fängt LuLu wieder an. Sie weiß genau, dass Sandra noch immer der Star ihrer Agentur wäre.
"Sie hat wieder geheiratet. Einen Talkmaster. Benny Dumm. Den Dümmsten und den Reichsten."
LuLu nickt verstehend und sagt nichts mehr.
Im nächsten Augenblick walzt Eva heran, zwei riesige Koffer unter ihren Armen und eine ausgebeulte Reisetasche um ihren Hals geschlungen. Ihr Kopf leuchtet rot, wohl weil die Tasche ihr den Hals abdrückt.
"Entschuldige Liebling." haucht sie und drückt mir einen zarten Kuss auf die Wange. "Entschuldige die Verspätung, ich musste noch alles zusammenpacken, du kamst aus so heiterem Himmel..."
"Es ist schon in Ordnung, Liebes." tröste ich sie. "Aber jetzt drängt die Zeit. Wo steht dein Auto?"
"Da, vor der Einfahrt." sagt sie und deutet angestrengt mit ihrer linken Hand.
Ich drücke LuLu ein Trinkgeld in die Hand, Eva verabschiedet sich von ihrer alten Erzieherin noch mit Küsschen und Tränen. Eine Minute später schlendern wir zu Eva's BMW Beauty 2001.
In kurzer Zeit hat Eva ihr Gepäck verstaut, und schon brausen wir los.
Während Eva lenkt, sieht sie immer wieder verliebt zu mit rüber. Sie kann sich kaum losreissen, was im Stadtverkehr nicht ungefährlich ist.
"Schau lieber auf die Straße!" lache ich. "Sonst demolierst du noch irgendwas!"
Eva bricht ebenfalls in Gelächter aus. Ihr Humor stimmt, denke ich mir.
Später, wir befinden uns bereits in voller Fahrt über die Autobahn, werde ich langsam schläfrig.
"Ruh' dich nur aus, Liebling." haucht Eva und zieht mir eine weiche Wolldecke über den Körper.
Wir fahren einer wunderbaren, gemeinsamen Zukunft entgegen. Noch während ich einschlafe denke ich an morgen. Eva glaubt, sie müsste zur Arbeit, weil am Abend die Uraufführung ihres neuen Balletts in einem Avant-Garde-Theater gezeigt wird. Nun, sie wird nicht zur Arbeit müssen, denn morgen werden wir getraut, in Schloss Linderhof, jener prachtvollen Anlage, in welcher unser Märchenkönig, wären ihm denn noch ein paar Jahre weiteren Lebens vergönnt gewesen, vielleicht ebenso vor den Traualtar geschritten wäre.
Wie Eva sich freuen wird!


Sie lasen: 'Wie wir uns kennenlernten' von Josef Schleif.


Der Text, der in den Vierziger Jahren des 21. Jahrhunderts in "Traumjungs, dem Science Fiction-Magazin für Männer mit dem gewissen Etwas" erschien, vermittelt deutlich, in welcher Situation ein Großteil der männlichen Bevölkerung Mitteleuropas sich zu jener Zeit in Beziehung auf das andere Geschlecht befand.
Rufen wir uns in Erinnerung: Das 21. Jahrhundert war ein Jahrhundert des Übergangs, so zerrissen wie vorangetrieben von den Schwächen und Gegensätzlichkeiten des größtenteils noch originären menschlichen Körpers. Die Schlagworte jener Zeit lauten: Wachsende Überbevölkerung durch vorherrschende und kaum kontrollierbare Mutterleibsschwangerschaft, daraus folgender Nahrungsmangel, weiter gesteigert durch unwirtschaftliche, größtenteils natürliche Produktion von Lebensmitteln, Überalterung der Gesamtbevölkerung bei gleichzeitiger biologischer Verjüngung älterer Bevölkerungsschichten, Kampf der Robotik mit dem Ziel vollkommener gesellschaftlicher Anerkennung, Zwang zur Unterdrückung irrational handelnder und eine Gefahr darstellender Teile der Weltbevölkerung, beginnender Weg zu allgemeiner Glückseligkeit zirka ab dem Jahr 2099.
Ein Problemfall blieb auch im 21. Jahrhundert die Geschlechtertrennung mit ihren Möglichkeiten, zahllose Irrtümer, Fehlleistungen und Konflikte zu generieren. Wie in Urzeiten waren Frauen noch Frauen, Männer gezwungen, Männer zu sein. Die Möglichkeiten nämlich, Geschlechter zu adaptieren, zu addieren oder gar umzukodieren, zeigten sich damals noch sehr mangelhaft und waren nur im äußersten Notfalle zu empfehlen. Somit herrschte faktisch Geschlechterzwang.
Wie äußerte sich nun diese Geschlechterdifferenz?
Im Lauf des 21. Jahrhunderts war die Gleichberechtigung der Frau endlich und erstmals wieder zu gesellschaftlicher Faktizität gelangt. Das Patriarchat, das die offizielle Geschichte fast der gesamten Welt vorher über mehrere Jahrtausende dominiert hatte, war im Verlauf von nur kurzer Zeit, etwa 130 Jahren nämlich, größtenteils verschwunden, es hatte sich im Verlauf von gut hundert Jahren fast zur Gänze aufgelöst. Diese historisch gesehen rasche Entwicklung, die anfangs nur wenig beachtet, ja oft als Aufschrei von Gesetzlosen und Außenseitern betrachtet worden war, zeitigte nun, an ihrem Ende, Auswirkungen von höchster Schlag- und Eindruckskraft, zur Überraschung so manchen Mannes.
An die höchsten Stellen von Häuptling, König, Kanzler, Magnat oder Manager traten nun plötzlich vermehrt und mit gleicher Kraft Häuptlingsfrau, Königinin, Fraukanzler, Magneta oder die examinierte Betriebsverwaltungsfachleiterin.
Da die Frau, jenes Geschlecht, das sich lange unter der Vorherrschaft des Mannes bescheiden hatte müssen, nun Gelegenheit bekam, sich frei zu entfalten, zeigte sich, dass Frauen, unter diesen neuen Voraussetzungen, in vielen Gebieten dem Manne gleichwertig, nicht selten sogar fähiger waren. Frauen drangen vor in die Spitzen der Politik, zeigten sich kulturell engagiert und oft wegweisend, sie dominierten mit Hilfe neuer chrirurgischer Methoden sogar die sportlichen Ligen der Welt. Es war eine Frau, nämlich Susan Ben Hildesheimer, die mit ihren Techno-Steps den Hundert-Meter-Weltrekord erstmals auf unter acht Sekunden schraubte. Große Erfindungen gelangen nun ebenso Frauen, sie führten die großen Konzerne der Welt und manchmal durchaus nebenbei noch immer den Haushalt. Man denke nur an Roswitha Dorfhuber, der legendären Solarmagneta von Zwiesel. Es besteht kein Zweifel, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der sich unaufhaltsam entfaltenden Frauenpower, oder, wie die Zeitung "Supergirl-BILD" es einmal nannte, "Frower" war.
Viele Männer befiel in jener Zeit eine existentielle Leere. Was sollten sie tun, wenn sie nicht mehr zu bestimmen hatten? Woran sollten sie sich freuen, wenn sie ihre Frauen nicht mehr terrorisieren konnten, wenn im Fernsehen und auf dem Sportplatz die Helden plötzlich Frauen waren und Männer immer mehr die Verlierer?
Bedenken wir noch einmal: Im 21. Jahrhundert wurden die Menschen noch ohne Zwitterfunktion geboren. Sie war noch nicht einmal bekannt. Viele Jahre mussten noch vorübergehen, bis Sing seine Methodik im Jahre 2112 veröffentlichte. Die Menschen jener Zeit besaßen jeweils nur Merkmale des einen Geschlechts, die sie nicht ohne größere Schwierigkeiten wieder abändern lassen oder umtauschen konnten. Sie waren zu ihrem Geschlecht gewissermaßen verurteilt.
Hinzu kam der Gen-Faktor. Aufgrund genetischer Festsetzungen, die sich damals nur schwer und unter mancherlei Verlusten umeichen ließen, gebar eine Frau im Durchschnitt mehr Jungen als Mädchen. Diese Differenz gewann erst Anfang des 21. Jahrhunderts, da es in Mitteleuropa erstmals über mehrere Generationen keine bedeutenden Kriege mehr gab, die Männer in überdurchschnittlicher Zahl reduzieren konnten, an Bedeutung. Die Rolle der Brutautomatik war, auf die Gesamtzahl der Geburten bezogen, noch unbedeutend. Auch genoss sie noch wenig gesellschaftliche Anerkennung.
Mit jedem Jahr mehrten sich nun die Männer, die keine Frau fanden, obgleich sie sich um weibliche Partner bemühten. Die Frauen machten sich in dieser Situation rar und wählten sich logischerweise nur Partner, die ihnen zusagten, nicht immer nur männliche, und wenn, dann oft nur auf Zeit. Millionen blieben dabei auf der Strecke. Hässliche, Arme, unglücklich Geschiedene, Arbeitslose, Machos, Männer mit zu breiten Hüften, alle Unangepassten, die nicht gleichzeitig cool waren.
Folge war, dass die Suche und das Werben um Geschlechtspartner einen großen Teil der Zeit der Männer in Anspruch nahm. Es ist offensichtlich, dass viele davon trotz ihrer Anstrengungen ohne Erfolg blieben. Diese Männer suchten nach Ersatzbefriedigung, die sich dann auch schnell einstellte.
Wichtig war für jene Männer vor allem, dass sie miteinander reden konnten, dass sie einem guten Freund ihr Leid klagen konnten. So bildeten sich innerhalb kurzer Zeit Talkshows, Zeitschriften und zahllose Kommunikationskreise. Bald existierten derartige Männertreffs in so großer Zahl, dass manche Frau sie abfällig als Pest, Bierkränzchen oder Treffpunkt für Jammerlappen bezeichnete. Doch der Wille zu trösten, und sich trösten zu lassen, machte auch vor solch leichtfertigen Demütigungen nicht Halt. Die Verlierer trafen sich weiter, und distanzierten sich solcherart auf die ihnen eigene Weise von ihrer Bestimmung.
Eine besondere Erscheinung unter den Männerzeitschriften jener Zeit waren Science-Fiction-Magazine. Hier äußerten sich schriftstellerisch begabte Männer über ihre Probleme, indem sie sich gesellschaftliche Zustände und Erfindungen für die Zukunft ausmalten, die ihre gegenwärtigen Leiden zu lindern vermochten. Diese Zeitschriften hatten großen Einfluss auf Bevölkerung und Wissenschaft ihrer Zeit. Viele Männer lernten durch diese Reflexionen, sich mit ihrem Schicksale abzufinden, Frauen lernten, jenen unbekannten Kontinent, den sensiblen Mann, besser durch sie zu verstehen, die Wissenschaft wurde durch künstlerische Visionen angespornt, dem Mangel durch technische Lösungen Abhilfe zu verschaffen. 
Bedeutende spätere Erfindungen wie der VibraMax-Automat oder die Entdeckung des Zwitter-Gens wurden erstmals in solchen Männer-Science-Fiction-Magazinen konzipiert.
Der hier vorliegende Text 'Wie wir uns kennenlernten' von Josef Schleif schildert eine Gesellschaft, in der Frauen sich ohne tückische Hinterfragungen und Abwägungen sowie Prüfungen der Bankkonten bereiterklärten, Bindungen mit Männern einzugehen. Fraglos gehört diese Geschichte zu den etwas weit hergeholten Utopien jener Zeit, war aber in ihrer Art durchaus nicht ungewöhnlich. Die Stadt Augsburg war damals übrigens tatsächlich etwas wie das deutsche Zentrum für Partnervermittlung, wenn die Realität sich auch geringfügig anders darstellte. Fast nur Männer waren in die Karteien der Computer eingetragen, Frauen hatten es meist nicht nötig, sich für die Partnerwahl an Institute zu wenden, weshalb die Partnervermittlung damals insgesamt kein einträgliches Geschäft darstellte, sieht man von homosexuellen Beziehungen ab.
Der Autor Josef Schleif ist auch aus einem weiteren Grunde interessant. Als Vertreter der föderalen Bewegung innerhalb des geeinten Europas erzielte er im deutschsprachigen Raum große Erfolge. Patriotische und rassisch verquaste Tendenzen schimmern auch in diesem Text durch. Zu Schleifs wichtigsten Werken gehören die Romane 'Sturm über Augsburg', 'Augsburg und München retten die Welt', 'Die preußische Frauenverschwörung' sowie die umstrittene Fernsehdokumentation 'Ludwig lebt!'.