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Freitag, 20. August 2010

Wie wir uns kennen lernten - Teil 1


 
Vermutlich rundeste und geschlossenste der mit einem Kommentar aus dem 21. Jahrhundert und mit dem Titel "Aus der Welt des 21. Jahrhunderts" versehenen Arbeiten.
Schauplatz der Handlung: Eine reaktionäre Beziehungsagentur in der Zukunft.
Passagenweise die Gag-Dichte sehr hoch, sogar ein Beckenbauer-Witz wurde lohnend und nicht ohne Doppelbödigkeit untergebracht.
 

Aus der Welt des 21. Jahrhunderts


Wie wir uns kennenlernten

Es war ein traumgleicher Sommermorgen. Ich saß im Speisewagen des Schnellzugs München-Augsburg und hielt, während die Kellnerin mir das Frühstück servierte, meinen Blick aus dem Fenster gerichtet. Die Sonne, die sich im Osten gemächlich über den Horizont erhob, tauchte die Landschaft in verzaubertes Licht. Kleine verschlafene Dörfchen zogen vorüber, üppig goldene Weizenfelder, hochgewachsener Mais, dessen Kolben, Zeichen ihrer angehenden Reife, wie kümmernde Ärmchen schräg in den Himmel ragten.
Aus den Lautsprechern zwitscherten Vögel fröhlich ihr Morgenkonzert.
Die Kellnerin gefiel mir. Fachmännisch schenkte sie mir meinen Schonkaffee ein. Geübt bediente sie den Eierköpfer. Ihr Lächeln war keineswegs geheuchelt, es kam von Herzen, wie ich mit der untrüglichen Menschenkenntnis, wie sie allen wahren Vertretern meines Berufsstandes zueigen ist, sofort erkannte.
Sie gefiel mir ausnehmend gut. Schlank, großgewachsen, die Hüften schmal, der Haaransatz ungewöhnlich kräftig. Ihr Gesicht umgab eine Aura von Zeitlosigkeit. War sie erst zwanzig, gerade eben beginnend, die Welt um sich und ihren Körper bewusst wahrzunehmen, oder war sie fünfzig, in der Seele gezeichnet von zahllosen Erlebnissen, Abenteuern, Enttäuschungen, schmerzvollen Erfahrungen und Leidenschaften, die selbst den Ansprüchen einer Fürstin Genüge geleistet hätten?
Ich betrachtete ihre Stirn, die glatt und zart war, jedoch keine Codenummer trug. Die Schöne schien somit keiner Agentur anzugehören und war momentan wohl vergeben...
Oh, glückseliger Unbekannter, der du diese Perle fandest unter der Unzahl  unwürdiger Möchte-nun-auch-so-sein-Damen!!
Während ich mit genussvoller Langerweile mein Frühstück verzehre, durchquert der Zug die Vororte von Augsburg. Harmonisch fügen sich die alten Kleinbürgerhäuslein mit den neuerrichteten Solarblöcken und Ladenzeilen zu einem Herz und Gemüt ansprechenden Äußeren. Die Sonne leuchtet bereits kräftig durch die Straßen und der Himmel, weißblau wie unsere Landesfarben, lässt den nachdenklichen Menschen sich erinnern an vergangene, bessere, selbstbewusstere, an königliche Zeiten.
Mit beendetem Frühstück fuhr der Zug in den Bahnhof ein. Ich nahm Aktenkoffer, Trench-Coat, warf meine Lodenjoppe über die Schulter, wanderte gelassenen Schrittes zur Waggontür und stieg aus.
Eine milde Brise wehte über den Bahnsteig. Geschäftsleute tummelten sich und schlugen rasch den Weg zu den Taxis ein, blutjunge Tramperinnen und Studentinnen warfen sehnsuchtsvolle Blicke auf Männer, die nach dickem Porte Monnaie rochen. Auch ich fiel ihnen sofort in die geschminkten Augen.
Hübsche Häschen, dachte ich mir, mehr aber auch nicht.
Natürlich wusste ich, dass all die Backfischchen, die am Bahnhof herumhingen, zu schlecht für die Agenturen waren, oder einfach drogenabhängig. Immerhin, einige konnten es gut vertuschen. Wer weiß, wenn ich bei Lulu nicht fündig würde, vielleicht würde ich des Abends mit einem dieser bitter-süßen Käferchen noch einen Blick ins Foyer des Intercity-Hotels werfen.
Ich schlenderte, tief die gute, würzig-bayerische Luft einatmend, zum Kiosk und kaufte mir ein Päckchen Monarch-Zigaretten. Schon beim ersten Zug wurde mir mit erschütternder Klarheit bewusst, wie sehr diese südbayerische Marke für mich Heimat bedeutete, wie viel mir die Heimat selbst bedeutete.
Ich stieg die Treppe vom Ausgang zum Vorplatz hinab. Die beiden Löwen, die wachend zu Seiten der Treppe mit bedrohlich aufgerissenen Lefzen saßen, ließen mich lächeln, gaben mir aber auch unbewusst ein Gefühl von Sicherheit, ähnlich wie jene altersweisen, freiheitsmutigen Leun der mächtigen Münchener Feldherrnhalle, die nun schon seit Jahrhunderten die dort thronenden, glanzvoll in Bronze gegossenen Heerführer behüten.
Auf einen Wink von mir schnurrt ein Taxi heran.
"Zu Madame Lulu." sage ich, und die Chauffeuse, eine etwa siebzigjahrige Brünette mit dem Ehrenzeichen der Kling-Agentur, steuert mit geübten Handgriffen auf die Straße.
Nach etwa einer Minute zurückgelegten Weges durchqueren wir den neuangelegten Ingeborg-Ränderbländel-Park. Mächtige Königssequoyas stehen hier in geschmackvoller Anordnung neben Lindenbaum, Ahorn und der Hecke, dem Lieblingsbaum unseres ehemaligen Kaisers Franz Beckenbauer.
Inmitten dieses von sattem Grün und Braun träufenden und von hoheitlichem Weiß-Blau beschimmerten Idylls kreuzt mein Taxi eine Gruppe etwa hundertundfünzig edler Laufmädel. Sie alle tragen die goldfarbenen Höschen und Stirnmale der Agnetha-und-Anathefka-Agentur, einem der besten Häuser hier am Platz. Sittsam wippen ihre maßgerechten Brüstchen im Takt des federleicht hüpfenden Gleichschritts.
Für einen Moment verliere ich mein Ziel aus den Augen...
Aber nein! Diese Görls kenne ich zur Genüge. Sicher, gut erzogen, internationales Flair, sehr genügsam oft, aber wie schnell wird man ihrer müde! Wie schnell wird man doch gewahr, dass ihre Heimat ganz woanders liegt, dass in ihren schlanken Körpern ein schales Feuerchen brennt, das beständig und immer stärker ruft: Nach Hause!! Sie sehnen sich nach einem Leben, das ihrer Geburt, ihrem Volke entspricht, nach einem leichteren Leben, einem Leben, das weniger von Schwere, Disziplin und hoher Geistigkeit bestimmt ist, das weniger im übermächtigen Licht unserer Heimat und der göttergleichen Kunst Richard Wagners besteht. Es ist wahr, nur die wenigsten sind hierzu geschaffen, die allerwenigsten sind Frauen und leider, fast nur die bayerisch-deutsche Frau ist dazu fähig.
Zwei Minuten später und die Länge einer Monarch weiter erreicht der BMW das alte Fugger-Haus, den Sitz Madame LuLus.
Ich bezahle großzügig, wissend, mit welchen Renten die Ladenhüterinnen der Agenturen abgefertigt werden, die Portiere eilt herbei und öffnet schwungvoll, aber nicht überhastet die Türe.
Ich steige aus.
"Grüzi, der Herr!" sagt die Portiere ganz unbekümmert, ihren Schweizer Akzent selbstbewusst nicht mit Schriftdeutsch überschattend. Das Mädel gefällt mir!
Ich stelle mich vor, zücke bescheiden meine Karte.
"Madame empfängt sie persönlich." spricht die Portiere mit niedergeschlagenen Augenlidern. Ich lächle, begebe mich zum Eingang, das Mädel folgt unauffällig. Im Umdrehen lese ich noch den Namen neben der Codenummer auf ihrer Stirn. Vreni! Ich möchte sie küssen.
Man erkennt LuLus Erziehung. Vreni spürt meinen Wunsch. Am Eingang angelangt reckt sie mir bescheiden ihre geöffneten Lippen entgegen. Ich küsse sie lang und fest, gebe großzügig Trinkgeld und schreite ins Haus. Vreni wendet, mit makellos weißen Zähnen lächelnd, ihr zöpchenumspanntes Köpfchen und harrt pflichtbewusst der erwarteten Kunden.
Am Empfang erwartet mich bereits Madame LuLu, ihr zur Seite die knackig rothaarige, sommerbesprosste Empfangsdame.
"Mein 'err, wie schön sie wiederzusehen." ruft Madame voll Entzücken und drückt mir hochachtungsvoll Küsschen auf beide Wangen.
"Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Madame." erwidere ich, indem ich mich halb verbeuge.
Sogleich führt Madame LuLu mich in den Salon und erkundigt sich diskret nach dem Grund meines Erscheinens, während sie oberflächlich ganz charmant über Industrie-Katalysatoren plaudert. Ich gebe bereitwillig Auskunft.
Wir nehmen beide in den bequemen, mit rotem Sammet überzogenen Sesseln Platz, indessen Madame über ein in ihrer Frisur verborgenes Mikrofon kurze, prägnante Anweisungen gibt.
Die fünf Sitzreihen, die aus fünfundzwanzig bequem verteilten, identischen Sesseln bestehen, sind leer, bis auf die beiden von uns occupierten Sitze und einem Platz in der letzten Reihe, in der ein völlig betrunkener Finne mehr liegt als sitzt. Madame und ich ignorieren ihn. Ohne uns darüber verständigen zu müssen, wissen wir beide: Nur sein Geld brachte ihn hierher.
Vor uns liegt der Laufsteg, fünf Meter breit, siebzehn Meter lang, Parademaß, ausgelegt mit azurnem Atlas und aufgespritzten weißen Farbklecksen, die Nationalfarben des Vaterlandes. Madame durchschaut meinen Blick, sie weiß, ich schätze ihren Stil, obwohl sie gebürtige Französin ist.
In diesem Moment hebt aus dem dezent verborgenen Lautsprechersystem gepflegt swingende, an klassische Zwiefache erinnernde Agenturmusik an. Ich erkenne Bewegungen hinter dem Vorhang, und schon tritt die erste Kandidatin heraus.
"Bettina!" flüstert mir LuLu ins Ohr."Ich biete sie erst seit zwei Tagen im Hauptprogramm an, und lang wird sie wohl nicht mehr bleiben..."
"Das kann ich mir lebhaft vorstellen." pflichte ich bei, indem ich ruhig meine Unterlippe knete und im Geiste Bettinas Maße nehme. Excellente Qualität. Lang, blond, ein Lächeln wie ein Sonnenaufgang im Hochgebirge. Der Dirndlbikini steht ihr vorzüglich.
"Was kann sie so?" frage ich betont unbeteiligt, während Bettina sich schwungvoll und mit gutem Rhytmusgefühl vor meiner Nase im Kreise dreht.
"Agraringenieurin." beginnnt LuLu aufzuzählen. "Erbte einen Vierhundert-Hektar-Bauernhof. Seit zwei Jahren Geschäftsführerin der Mieder-Düngemittelwerke AG."
Nicht schlecht, aber wer kann wissen, was noch kommt? Immerhin sind hier Entscheidungen für die "Ewigkeit" zu treffen. Ich setze Bettina auf die Warteliste und LuLu gibt Anweisung, die nächste Kandidatin hereinzulassen.
Der Vorhang fliegt hoch und auf tritt "Brünnhilde", mit wallendem braunem Umhang, brauner Leinenleibwäsche und einer Art Wikinger-Eselskappe.
Noch bevor ich mich vorsichtig räuspern kann, stellt 'Bruni' sich vor mich hin und keift:

                   Oh ja,
                   Ihr seid's wirklich,
                   Mit Knien wie Ambosse
                   Und Muskeln wie unreifes Obst!
                   Was mir an Euch gefällt?
                   Nichts!!
                   Höchstens Eure Hirne, die mit
                               Stecknadeln konkurrieren.

Wutschnaubend und mit Kuhaugen glotzt Brünnhilde mich an.
"Das ist doch nicht ihr Ernst?" wende ich mich so hilfesuchend wie auch unsagbar erheitert an LuLu.
"Nein" lacht LuLu mit vorbildlicher Zurückhaltung und immer noch mit, trotz ihres Alters, attraktiv aufwärts gewölbter Oberlippe. "Brüni ist nur ein Gag. In Wahrheit heißt sie Marlene, ist Schauspielschülerin und verdient sich gelegentlich bei besonders gern gesehenen Gästen durch diese kleine Rolle ein bescheidenes Zubrötchen."
Ich nehme das Kompliment geschmeichelt mit dem Kopfe nickend an und lache schallend los ob dieses köstlichen und überraschenden Uzes.
Marlene verbeugt sich augenzwinkernd und tänzelt hinter die Bühne zurück. Noch völlig erhitzt von Spaß und Effekt der Überraschung erwäge ich, Lulu zu fragen, ob nicht auch Marlene bei Bedarf noch zu werben sei.
LuLu ahnt, woran ich denke.
"Ich bedaure" seufzt sie. "So gern ich sie in mein Sortiment aufnähme, Marlene ist bereits versprochen, an einen entzückenden jungen Schauspieler, der keinen Pfennig in der Tasche trägt."
Ich ziehe fragend eine Augenbraue, aber Madame LuLu bedauert nun entschieden:
"Es tut mir leid, Monsieur Schleif, aber in diesem Fall ist absolut nichts zu machen."
Ich gebe mich sanft lächelnd zufrieden, stecke mir noch eine Zigarette an. Wozu Diskussionen? Frauen sind käuflich! Zu viele Schwestern Madame LuLu's haben mir dies in meinem Leben bereits bewiesen! Doch ich lasse mir nichts anmerken. LuLu spricht neuerlich Anweisungen ins Mikrofon.
Aus LuLu's wissend verkniffenen Lippen schließe ich, dass sie nun ihren größten Trumpf auf die Planche holt und unwillkürlich setze ich mich auf.
LuLu's Ruf als beste Kupplerin im Lande kommt nicht von ungefähr, und wenn sie jemanden so gut kennt wie mich, dann ist sie es, die meine Frau fürs Leben kennt.
Die Scheinwerfer verdunkeln sich, der Vorhang hebt sich. Es erscheint---eine Silhouette zuerst. Der Spot fliegt an.
Schon im ersten Moment bin ich geschlagen, gefesselt, kampflos besiegt, K.O. mit dem ersten Gongschlag.
Dieser Körper, dieses dunkelblonde Haar, unbeschreiblich, ihr Blick, ihr Gesicht...
"Sie, und keine andere!" will ich schon rufen, aber LuLu ist noch im Zweifel und legt gehörig nach.
"Eva!" flüstert sie mit einer Stimme wie Blütenhonig, zu mir herübergebeugt. "Tänzerin, Millionenerbin, bis zum heutigen Tage war nur die Ar-beit, und nichts als die Ar-beit ihr Interesse."
Mir wässern die Mundwinkel. Was will ich mehr? WAS WILL ICH MEHR?
LuLu ahnt das gute Geschäft, geht auf Nummer sicher, setzt noch einen drauf: "Mein 'err, vor ihnen liegt ein unbestelltes Feld..."
"Wieviel?" frage ich mit Maskengesicht, die stieren Augen auf jene beinah biblische Eva gerichtet, die im Handstand gerade einen Spagat vollführt.
"Ich bin mir sicher, wir können eine schnelle Einigung erzielen, Monsieur Schleif, auch wenn eingedenk der hervorragenden humanistischen und musikalischen Ausbildung, welche Mademoiselle Eva genoss, der Preis angemessenerweise sich in höchsten preislichen Regionen bewegen muss."
"LuLu, du kennst meine Brieftasche." sage ich wie paralysiert.
Nun ist Madame zufrieden und klatscht kurz in die Hände, woraufhin Eva ihre Übungen beendet, sich umdreht, ihr Badekostüm aus wenigen Feigenblättern, das ich in diesem Moment wie nichts auf der Welt beneide, im Innern eines ihren Körper umschließenden, rotglänzenden Umkleide-Kaftans ablegt und ihre wichtigsten Körperteile mit rotseidener Leibwäsche bedeckt.

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Wie wir uns kennen lernten - Teil 2



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Die Preisabmachung, jene etwas kindische und dem Gegenstande eigentlich unwürdige Feilscherei, die in allen guten Agenturen Tradition hat, findet in Madames privatem Büro statt.
Dunkelblaue Atlasseide überall von den Wänden hängend, Vorhänge ersetzend, ein Mohr aus purem Gold, auf dessen dargereichtem Tablette köstlichstes Kaufbeurener Konfekt aufliegt, kostbare Drucke von Bosch und Bacon auf ausladenden Staffeleien und an den Wänden hängend, ein Meer von Schmuck und Accessoires, deren Beschreibung Tage und viele Dutzend Seiten in Anspruch nähme.
LuLu spielt mit einer glänzenden, frisch geschmierten Lederknute aus dem alten Rom.
"Eine Million" sagt sie.
"Zehntausend, mein letztes Wort." meine Erwiderung.
"Einhunderttausend!" sagt LuLu und klopft wütend auf den Tisch.
"Ich bitte sie, LuLu." lache ich. "Eva ist eine Frau, sie sind eine Frau. Zehntausend und keinen Pfennig mehr."
LuLu starrt auf ihre Schreibunterlage mit Neuschwanstein-Motif. Sie atmet schwer.
"Zwanzigtausend" knurrt sie wie eine Wildkatze.
"LuLu!" warne ich gebieterisch und packe sie fest mit meiner Linken an ihrem linken Handgelenk. "Ich habe nicht ewig Zeit! Ich bin Künstler."
"Au, sie tun mir weh!" quietscht die immer noch quirlige Französin. "Sie Scheusal! AAArgh!"
"Na gut, zehntausend." keucht sie schließlich.
Ich lasse schnaubend von ihr ab. Manche Traditionen ekeln echte Männer an.
Ich ziehe einen Scheck aus der Tasche, auf den ich bereits vorher den für mich feststehenden Preis notiert hatte.
LuLu bedankt sich und versteckt den Scheck am unsichersten Platz im ganzen Haus, in ihrem weitem Ausschnitt. Ihre Stimmung normalisiert sich wieder.
"Verhandlungen mit ihnen sind für mich immer wieder ein Genuss, Monsieur Schleif." schwärmt sie.
"Der Genuss ist ganz auf meiner Seite." gebe ich noch etwas herrisch, aber schon wieder mit erkennbarem Schalk zurück.
Plaudernd bewegen wir uns in Richtung Ausgang, wo wir kurze Zeit warten müssen, weil Eva sich noch mit Packen beschäftigt. LuLu beklagt sich etwas übers Geschäft.
"Ach," seufzt sie "all die jungen Männer heutzutage, sie glauben, die Auswahl und Erziehung schöner Frauen würde nichts kosten, sie denken, es wäre umsonst, so wie in ihren Computersimulationen!"
"Ja, die Zeiten sind arg." pflichte ich bei.
"Ich musste mir schon Wachmänner anstellen, um meine Mädchen angemessen zu beschützen. Wachmänner sind nicht billig, aber wenn ich daran denke, dass eines meiner Mädchen von einem dieser Schurken entführt werden könnte...in die Mongolei, oder gar nach Sibirien!"
Erst jetzt fallen mir einige Männer, die sich geschickt, mit Maschinengewehren und Panzerfäusten bewaffnet, hinter Bäumen, Hecken und Hausecken verstecken, ins Auge. Niemand würde sie auf den ersten Blick erkennen. Es müssen wirkliche Spezialisten sein. Die Männer an den Hausecken tragen Kleidung und Hautcreme in der Farbe der Hauswand. Ein verblüffender Effekt.
Ja, die Zeiten sind mühsam und schwer, indes: Ist es nicht ein gutes Gefühl zu wissen, dass das sittlich Gute noch immer weit klüger, ästhetischer und gewinnbringender agiert als der Abschaum? Ohne Zweifel würden die Männer jeden verdächtigen Streuner in LuLu's Garten umgehend kaltstellen.
"Und Sandra?" fragt LuLu diskret. "Es hat wohl nicht so gut geklappt?"
Sandra ist meine geschiedene Frau. LuLu hatte sie mir vor etwa drei Jahren vermittelt.
"Nun ja," lächle ich "es war nicht ihre Schuld, LuLu. Man lebt sich auseinander. Wir hatten eine herrliche Zeit, und nun ist sie vorbei. Das Leben geht weiter."
Wir verharren einige Momente in Schweigen.
"Und was macht Sandra jetzt?" fängt LuLu wieder an. Sie weiß genau, dass Sandra noch immer der Star ihrer Agentur wäre.
"Sie hat wieder geheiratet. Einen Talkmaster. Benny Dumm. Den Dümmsten und den Reichsten."
LuLu nickt verstehend und sagt nichts mehr.
Im nächsten Augenblick walzt Eva heran, zwei riesige Koffer unter ihren Armen und eine ausgebeulte Reisetasche um ihren Hals geschlungen. Ihr Kopf leuchtet rot, wohl weil die Tasche ihr den Hals abdrückt.
"Entschuldige Liebling." haucht sie und drückt mir einen zarten Kuss auf die Wange. "Entschuldige die Verspätung, ich musste noch alles zusammenpacken, du kamst aus so heiterem Himmel..."
"Es ist schon in Ordnung, Liebes." tröste ich sie. "Aber jetzt drängt die Zeit. Wo steht dein Auto?"
"Da, vor der Einfahrt." sagt sie und deutet angestrengt mit ihrer linken Hand.
Ich drücke LuLu ein Trinkgeld in die Hand, Eva verabschiedet sich von ihrer alten Erzieherin noch mit Küsschen und Tränen. Eine Minute später schlendern wir zu Eva's BMW Beauty 2001.
In kurzer Zeit hat Eva ihr Gepäck verstaut, und schon brausen wir los.
Während Eva lenkt, sieht sie immer wieder verliebt zu mit rüber. Sie kann sich kaum losreissen, was im Stadtverkehr nicht ungefährlich ist.
"Schau lieber auf die Straße!" lache ich. "Sonst demolierst du noch irgendwas!"
Eva bricht ebenfalls in Gelächter aus. Ihr Humor stimmt, denke ich mir.
Später, wir befinden uns bereits in voller Fahrt über die Autobahn, werde ich langsam schläfrig.
"Ruh' dich nur aus, Liebling." haucht Eva und zieht mir eine weiche Wolldecke über den Körper.
Wir fahren einer wunderbaren, gemeinsamen Zukunft entgegen. Noch während ich einschlafe denke ich an morgen. Eva glaubt, sie müsste zur Arbeit, weil am Abend die Uraufführung ihres neuen Balletts in einem Avant-Garde-Theater gezeigt wird. Nun, sie wird nicht zur Arbeit müssen, denn morgen werden wir getraut, in Schloss Linderhof, jener prachtvollen Anlage, in welcher unser Märchenkönig, wären ihm denn noch ein paar Jahre weiteren Lebens vergönnt gewesen, vielleicht ebenso vor den Traualtar geschritten wäre.
Wie Eva sich freuen wird!


Sie lasen: 'Wie wir uns kennenlernten' von Josef Schleif.


Der Text, der in den Vierziger Jahren des 21. Jahrhunderts in "Traumjungs, dem Science Fiction-Magazin für Männer mit dem gewissen Etwas" erschien, vermittelt deutlich, in welcher Situation ein Großteil der männlichen Bevölkerung Mitteleuropas sich zu jener Zeit in Beziehung auf das andere Geschlecht befand.
Rufen wir uns in Erinnerung: Das 21. Jahrhundert war ein Jahrhundert des Übergangs, so zerrissen wie vorangetrieben von den Schwächen und Gegensätzlichkeiten des größtenteils noch originären menschlichen Körpers. Die Schlagworte jener Zeit lauten: Wachsende Überbevölkerung durch vorherrschende und kaum kontrollierbare Mutterleibsschwangerschaft, daraus folgender Nahrungsmangel, weiter gesteigert durch unwirtschaftliche, größtenteils natürliche Produktion von Lebensmitteln, Überalterung der Gesamtbevölkerung bei gleichzeitiger biologischer Verjüngung älterer Bevölkerungsschichten, Kampf der Robotik mit dem Ziel vollkommener gesellschaftlicher Anerkennung, Zwang zur Unterdrückung irrational handelnder und eine Gefahr darstellender Teile der Weltbevölkerung, beginnender Weg zu allgemeiner Glückseligkeit zirka ab dem Jahr 2099.
Ein Problemfall blieb auch im 21. Jahrhundert die Geschlechtertrennung mit ihren Möglichkeiten, zahllose Irrtümer, Fehlleistungen und Konflikte zu generieren. Wie in Urzeiten waren Frauen noch Frauen, Männer gezwungen, Männer zu sein. Die Möglichkeiten nämlich, Geschlechter zu adaptieren, zu addieren oder gar umzukodieren, zeigten sich damals noch sehr mangelhaft und waren nur im äußersten Notfalle zu empfehlen. Somit herrschte faktisch Geschlechterzwang.
Wie äußerte sich nun diese Geschlechterdifferenz?
Im Lauf des 21. Jahrhunderts war die Gleichberechtigung der Frau endlich und erstmals wieder zu gesellschaftlicher Faktizität gelangt. Das Patriarchat, das die offizielle Geschichte fast der gesamten Welt vorher über mehrere Jahrtausende dominiert hatte, war im Verlauf von nur kurzer Zeit, etwa 130 Jahren nämlich, größtenteils verschwunden, es hatte sich im Verlauf von gut hundert Jahren fast zur Gänze aufgelöst. Diese historisch gesehen rasche Entwicklung, die anfangs nur wenig beachtet, ja oft als Aufschrei von Gesetzlosen und Außenseitern betrachtet worden war, zeitigte nun, an ihrem Ende, Auswirkungen von höchster Schlag- und Eindruckskraft, zur Überraschung so manchen Mannes.
An die höchsten Stellen von Häuptling, König, Kanzler, Magnat oder Manager traten nun plötzlich vermehrt und mit gleicher Kraft Häuptlingsfrau, Königinin, Fraukanzler, Magneta oder die examinierte Betriebsverwaltungsfachleiterin.
Da die Frau, jenes Geschlecht, das sich lange unter der Vorherrschaft des Mannes bescheiden hatte müssen, nun Gelegenheit bekam, sich frei zu entfalten, zeigte sich, dass Frauen, unter diesen neuen Voraussetzungen, in vielen Gebieten dem Manne gleichwertig, nicht selten sogar fähiger waren. Frauen drangen vor in die Spitzen der Politik, zeigten sich kulturell engagiert und oft wegweisend, sie dominierten mit Hilfe neuer chrirurgischer Methoden sogar die sportlichen Ligen der Welt. Es war eine Frau, nämlich Susan Ben Hildesheimer, die mit ihren Techno-Steps den Hundert-Meter-Weltrekord erstmals auf unter acht Sekunden schraubte. Große Erfindungen gelangen nun ebenso Frauen, sie führten die großen Konzerne der Welt und manchmal durchaus nebenbei noch immer den Haushalt. Man denke nur an Roswitha Dorfhuber, der legendären Solarmagneta von Zwiesel. Es besteht kein Zweifel, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der sich unaufhaltsam entfaltenden Frauenpower, oder, wie die Zeitung "Supergirl-BILD" es einmal nannte, "Frower" war.
Viele Männer befiel in jener Zeit eine existentielle Leere. Was sollten sie tun, wenn sie nicht mehr zu bestimmen hatten? Woran sollten sie sich freuen, wenn sie ihre Frauen nicht mehr terrorisieren konnten, wenn im Fernsehen und auf dem Sportplatz die Helden plötzlich Frauen waren und Männer immer mehr die Verlierer?
Bedenken wir noch einmal: Im 21. Jahrhundert wurden die Menschen noch ohne Zwitterfunktion geboren. Sie war noch nicht einmal bekannt. Viele Jahre mussten noch vorübergehen, bis Sing seine Methodik im Jahre 2112 veröffentlichte. Die Menschen jener Zeit besaßen jeweils nur Merkmale des einen Geschlechts, die sie nicht ohne größere Schwierigkeiten wieder abändern lassen oder umtauschen konnten. Sie waren zu ihrem Geschlecht gewissermaßen verurteilt.
Hinzu kam der Gen-Faktor. Aufgrund genetischer Festsetzungen, die sich damals nur schwer und unter mancherlei Verlusten umeichen ließen, gebar eine Frau im Durchschnitt mehr Jungen als Mädchen. Diese Differenz gewann erst Anfang des 21. Jahrhunderts, da es in Mitteleuropa erstmals über mehrere Generationen keine bedeutenden Kriege mehr gab, die Männer in überdurchschnittlicher Zahl reduzieren konnten, an Bedeutung. Die Rolle der Brutautomatik war, auf die Gesamtzahl der Geburten bezogen, noch unbedeutend. Auch genoss sie noch wenig gesellschaftliche Anerkennung.
Mit jedem Jahr mehrten sich nun die Männer, die keine Frau fanden, obgleich sie sich um weibliche Partner bemühten. Die Frauen machten sich in dieser Situation rar und wählten sich logischerweise nur Partner, die ihnen zusagten, nicht immer nur männliche, und wenn, dann oft nur auf Zeit. Millionen blieben dabei auf der Strecke. Hässliche, Arme, unglücklich Geschiedene, Arbeitslose, Machos, Männer mit zu breiten Hüften, alle Unangepassten, die nicht gleichzeitig cool waren.
Folge war, dass die Suche und das Werben um Geschlechtspartner einen großen Teil der Zeit der Männer in Anspruch nahm. Es ist offensichtlich, dass viele davon trotz ihrer Anstrengungen ohne Erfolg blieben. Diese Männer suchten nach Ersatzbefriedigung, die sich dann auch schnell einstellte.
Wichtig war für jene Männer vor allem, dass sie miteinander reden konnten, dass sie einem guten Freund ihr Leid klagen konnten. So bildeten sich innerhalb kurzer Zeit Talkshows, Zeitschriften und zahllose Kommunikationskreise. Bald existierten derartige Männertreffs in so großer Zahl, dass manche Frau sie abfällig als Pest, Bierkränzchen oder Treffpunkt für Jammerlappen bezeichnete. Doch der Wille zu trösten, und sich trösten zu lassen, machte auch vor solch leichtfertigen Demütigungen nicht Halt. Die Verlierer trafen sich weiter, und distanzierten sich solcherart auf die ihnen eigene Weise von ihrer Bestimmung.
Eine besondere Erscheinung unter den Männerzeitschriften jener Zeit waren Science-Fiction-Magazine. Hier äußerten sich schriftstellerisch begabte Männer über ihre Probleme, indem sie sich gesellschaftliche Zustände und Erfindungen für die Zukunft ausmalten, die ihre gegenwärtigen Leiden zu lindern vermochten. Diese Zeitschriften hatten großen Einfluss auf Bevölkerung und Wissenschaft ihrer Zeit. Viele Männer lernten durch diese Reflexionen, sich mit ihrem Schicksale abzufinden, Frauen lernten, jenen unbekannten Kontinent, den sensiblen Mann, besser durch sie zu verstehen, die Wissenschaft wurde durch künstlerische Visionen angespornt, dem Mangel durch technische Lösungen Abhilfe zu verschaffen. 
Bedeutende spätere Erfindungen wie der VibraMax-Automat oder die Entdeckung des Zwitter-Gens wurden erstmals in solchen Männer-Science-Fiction-Magazinen konzipiert.
Der hier vorliegende Text 'Wie wir uns kennenlernten' von Josef Schleif schildert eine Gesellschaft, in der Frauen sich ohne tückische Hinterfragungen und Abwägungen sowie Prüfungen der Bankkonten bereiterklärten, Bindungen mit Männern einzugehen. Fraglos gehört diese Geschichte zu den etwas weit hergeholten Utopien jener Zeit, war aber in ihrer Art durchaus nicht ungewöhnlich. Die Stadt Augsburg war damals übrigens tatsächlich etwas wie das deutsche Zentrum für Partnervermittlung, wenn die Realität sich auch geringfügig anders darstellte. Fast nur Männer waren in die Karteien der Computer eingetragen, Frauen hatten es meist nicht nötig, sich für die Partnerwahl an Institute zu wenden, weshalb die Partnervermittlung damals insgesamt kein einträgliches Geschäft darstellte, sieht man von homosexuellen Beziehungen ab.
Der Autor Josef Schleif ist auch aus einem weiteren Grunde interessant. Als Vertreter der föderalen Bewegung innerhalb des geeinten Europas erzielte er im deutschsprachigen Raum große Erfolge. Patriotische und rassisch verquaste Tendenzen schimmern auch in diesem Text durch. Zu Schleifs wichtigsten Werken gehören die Romane 'Sturm über Augsburg', 'Augsburg und München retten die Welt', 'Die preußische Frauenverschwörung' sowie die umstrittene Fernsehdokumentation 'Ludwig lebt!'.


Sonntag, 4. April 2010

Die Mondpleite - Zweiter Teil


                                                                                                                                           
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Ich zündete den Störsender per Fernbedienung und stellte die Videokamera auf. Beiläufig erklärte ich, dass Biggi jetzt ihr Mikro zur Bodenkontrolle abschalten könne.
"Wieso soll ich mein Bodenmikro abschalten?" fragte sie.
"Einfach so." sagte ich.
"Was, einfach so."
"Na, so halt."
"Was halt. Ich brech doch ohne Grund nicht meine Verbindung zur Bodenstation ab. Was ist, wenn was passiert?"
Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich ihr sofort alles erzählen sollte. Aber dann hätte ich die Überraschung vergessen können.
"Ich hab was vor, Biggi." sagte ich. "Es dauert nicht lang. Aber das geht nur, wenn du dein Mikro ausmachst."
"Und was ist, wenn was passiert?"
"Was soll denn passieren? Ich hab doch alles kontrolliert."
"Also ohne Grund mach ich das Bodenmikro nicht aus."
"Biggi, jetzt mach bitte das Scheißmikro aus! Dafür zahl ich doch den ganzen Scheißflug!"
Wahrscheinlich war es das erste Mal in meinem Leben, dass ich so laut geworden war, und Biggi mich erstaunt an. Dann machte sie ihr Mikro endlich aus.
"Zufrieden?" fragte sie.
"Ja." sagte ich mit belegter Stimme.
Ich schaltete über Fernsteuerung den Rekorder im Shuttle ein, und in unseren Helmlautsprechern startete Biggis Lieblingssong, "2gether 4ever" von den Sixty Six Sexy Boys.
Ich zog meinen Blumenstrauß aus der Tasche, die für die Gesteinsproben vorgesehen war, und ließ mich auf die Knie fallen.
"Was machst du denn jetzt?" fragte Biggi.
"Biggi." sagte ich angestrengt.
"Was sind denn das für Dinger?" fragte sie weiter.
Sie meinte meinen gefärbten Hanf.
"Das sind die einzigen Hochzeitsblumen, die bei minus 200 Grad nicht kaputtgehen!" antwortete ich schnell.
Jetzt blieb sie endlich still. Ich holte noch ein paar Mal Luft, der Sauerstoff setzte mir irgendwie immer mehr zu, dann ließ ich es endlich raus.
"Bi-Biggi, willst du meine Frau werden?"
Stille.
"Was?"
"Biggi, du bist die Beste, das weißt du. - Lass uns heiraten."
"Sag mal... Meinst du das ernst?"
Ich schwitzte plötzlich wie wahnsinnig und fing an, an meiner Anzugheizung herum zu fummeln.
"Wir lieben uns doch." sagte ich währenddessen. "Du hast doch immer gesagt, du liebst mich, und ich hab's dir auch gesagt."
Sie sah mich ungläubig an.
"Sag mal, spinnst du?"
"Bitte, ich hab doch alles für uns getan." gab ich zurück.
"Was? Mannomann.., du Idiot! Du weißt doch genau, dass ich seit einem Jahr mit Ritschie zusammen bin."
"Was, Ritschie? Nein... Aber wir müssen heiraten, Biggi. Ich kann ohne dich nicht mehr leben. Wir haben doch so viel gemeinsam."
"Was?"
"Du hast doch selber gesagt, wir haben so viel gemeinsam.."
"Ja, aber im Geschäft! Im Geschäft haben wir so viel gemeinsam, weil wir da alle gleich sind. Cool, wohlüberlegt, super-rational, das sind wir doch alle." Sie zögerte kurz. "Das ist doch kein Grund zum Heiraten. Und ich liebe Ritschie."
"Aber-" Mir fiel nichts mehr ein und ich fing an zu heulen.
Biggi schwieg. Ich glaube, sie sah mich mitleidig an, wie ich immer noch dakniete, mit hängendem Helm, den Anzug, die Tasche und den Hanf voll mit Monddreck.
Ich konnte mit dem Schluchzen nicht mehr aufhören. Da bückte Biggi sich zu mir runter und knuffte mich an der Schulter.
 "Jetzt komm schon, wir sind doch Freunde." sagte sie.
"Biggi, bitte" heulte ich wieder los. "wir müssen heiraten. Ich kann doch ohne dich nicht mehr. Liebe, Sex, und Zärtlich Sein!"
Doch damit hatte ich den Bogen wahrscheinlich überspannt. Biggi schüttelte bloß noch ihren Helm und sprang wieder hoch.
"Du spinnst ja." rief sie nochmal. "So ein blödes Theater. Ich hab auch noch andere Sachen zu tun. Ich will jetzt wieder heim."
Sie stolperte in Richtung Shuttle davon.
Ich rief ihr nach: "Biggi, bitte..." Aber sie ließ sich nicht mehr aufhalten. Bald war sie am Shuttle angekommen und kletterte die Leiter hoch.
Mit einem Mal wurde ich panisch und hüpfte ihr mit Riesenschritten hinterher. Ich hatte noch nicht mal die Hälfte der Strecke zurückgelegt, da hörte ich ihre Stimme schon im Helmlautsprecher. Sie schien mit sich selbst zu sprechen.
"Wo ist denn hier der Startknopf?" fragte sie.
Es war der reine Zufall, dass sie das vergessen hatte, und mein Glück! Als ich den Shuttle erreichte, war sie gerade dabei, die Sauerstofftanks zu entlüften. Das wäre unser beider sicherer Tod gewesen.
Ich stürzte ins Cockpit, riss sie vom Steuerpult weg und kontrollierte die wichtigsten Parameter. Es war noch alles in Ordnung, zumindest was die Technik betraf. Unter Tränen startete ich die Triebwerke und brachte den Shuttle zurück auf Kurs Terra.
Biggi verzog sich unterdessen in die von mir entfernteste Ecke und starrte ins Weltall raus.
Als ich die technischen Dinge erledigt hatte und der Shuttle endgültig wieder auf Kurs war, versuchte ich, die Sache irgendwie auszureden. Aber Biggi nannte mich nur immer wieder einen Idioten oder dummen Arsch und ärgerte sich, was sie wegen des Scheißmondfluges alles versäumt hatte.
Dann befreiten sich auf einmal die Mäuse aus ihrer Versuchsanordnung und schwebten schwerelos im Cockpit herum.
"Schau doch, Biggi, die Mäuse, sind sie nicht lustig?" sagte ich.
Aber Biggi sah nicht hin.
Irgendwann später stieß sie sich von ihrem Aussichtsplatz ab und schwebte zum Funkgerät rüber. Im Mondlicht glich ihre Silhouette einer Fledermaus ohne Flügel. Der bestaussehendsten, eingeschnapptesten, einen zum Wahnsinn treibendsten Fledermaus, die man sich vorstellen kann.
Sie landete auf dem Funkhocker und nahm den Telefonhörer ab. Eine Zeitlang horchte sie. Dann sah sie den Hörer fragend an.
"Der Störsender!" fuhr es mir in den Kopf. Ich stürmte zum Schalterkasten.
Kaum hatte ich den Sender herausgerissen und die wichtigsten Leitungen wieder angeschlossen, füllte der Shuttle sich mit den besorgten Rufen der Bodenkontrolle:
"Hallo, Mission LoveBoat! Hallo, da oben, könnt ihr uns hören?"
Die Besorgnis der Bodenkontrolle war absolut gerechtfertigt. Wir hatten uns seit Stunden nicht mehr gemeldet.
"Alles okay. Wir hören euch laut und deutlich." bestätigte Biggi.
Ich versuchte gerade, mich mit Wackelkontakten in unseren Mikros rauszureden, als die Verbindung noch einmal abbrach. Für ein paar Sekunden war die Leitung wie tot, dann meldeten sich die Stimmen meiner Freunde bei der ESA.
"Stefan, du Idiot, jetzt geh schon ran!"
"Hallo, Leute." sagte ich vorsichtig.
Ein paar Minuten lang ließen meine Kumpels jetzt Dampf ab, dass sie mich nicht weiter unterstützen könnten, dass sie ihre Köpfe ohnehin schon meterweit rausgestreckt hätten und dass ich jetzt metertief in der Scheiße stecke, und dass sie mich nicht mehr decken könnten, wenn es bis zu einer Anklage vorm Europagerichtshof kam, was sie mir jetzt schon garantieren könnten. Das Schlimme war, dass meine Freunde recht hatten. Schließlich war ich es, der die Vereinbarungen gebrochen hatte.
Zum Ende hin wurden sie dann nochmal versöhnlicher.                                                                                    
"Immerhin," sagten sie, "wenn eure Bodenproben das zeigen, was wir erwarten, dann sind euch wenigstens noch ein paar Orden sicher!"
Ich starrte durchs Heckfenster. Die Tasche für die Bodenproben lag immer noch im Krater. Ich hatte sie total vergessen. Genauso die Videokamera. Das hieß, die nächste Mondmission würde sich spielend die Tragödie, die ich eigentlich vertuschen hatte wollen, zu Gemüte führen können.
Biggi schien auf einmal zu realisieren, was ich alles verbockt hatte, und sah mich so befremdet an, als wäre ich irgendein Außerirdischer.
"Du bist so ein unvorstellbarer Verlierer, Stefan." sagte sie, ihren Hörer noch immer in der Hand. Dann tippte sie die Nummer ihrer Mutter.
Während Biggi in der Folge ihrer Mutter und ungefähr hundert anderen Leuten ihr Herz ausschüttete, gelang es mir, die Bodenkontrolle davon zu überzeugen, dass ich geistig noch zurechnungsfähig war.
Dann meldete sich plötzlich Melanie, meine frühere Verlobte. Melanie ist so ziemlich der zuvorkommendste Mensch auf der Welt, aber diese pausenlosen offenen Gespräche hält irgendwann kein Mensch mehr aus. Melanie ist einfach nicht fähig von ihrer Arbeit abzuschalten, sie führt Therapiegespräche vierundzwanzig Stunden am Tag. Irgendwann treibt das jeden die Wände hoch.
"Willst du sprechen, Stefan?" fragte sie so ernsthaft und ehrlich, wie nur Mel es kann.
Ich schlug schreiend auf ein paar Armaturen ein. Da schalteten sie Melanie wieder aus der Leitung.
Biggi war inzwischen alles egal. Sie übersah mich und hantelte sich zu ihrer Schlafkoje rüber. Plötzlich fiel mir ein, dass ich dort vor unserem Mondspaziergang in froher Hoffnung das Geschenk meines Chefs deponiert hatte. Ich stürzte auf die Koje zu, doch Biggi hatte das fein verpackte Paket schon in der Hand. Sie machte es auf.
"Was ist das?" fragte sie scharf.
"Ein Negligee." sagte ich.
"Das seh ich auch." gab sie zurück. "Und die Bommel an den Enden, wozu sind die gut?"
"Damit es schwebt.."
"Was?"
"Es ist ein Raumnegligee. Wenn man es in Schwerelosigkeit anzieht, schwebt es automatisch nach oben."
"Du Schwein!"
Sie warf mir wütend die Schachtel auf den Kopf und schwang sich in die Koje. Ich versuchte nochmal mit ihr reden, aber sie sah mich jetzt nicht mal mehr an. Sie schluckte ein paar Schlaftabletten und wachte nicht mehr auf bis zur Landung.

Vor ein paar Wochen hat mir Ingo, mein Therapeut, dieses Zitat von DJ Versager gegeben, das ich mir übers Bett hängen sollte. Ich hab es über die Kaffeemaschine geklebt. Es lautet:

Drei Tage lang quasselte sie am Telefon belangloses Zeug.
Einem ausgehungerten Blauwal gleich verschlang ich jedes einzelne Wort…

Ich lese den Spruch jetzt jeden Morgen beim Kaffeemachen, und ich glaube schon, dass ich ihn irgendwie verstehe, aber ich finde halt, dass er nicht ganz zutrifft. Irgendwie reduziert er Biggi doch. Sie ist doch ein Mensch, denkt und hat Gefühle, Gefühle, die ich nicht kapiert hatte, die ich vielleicht auch gar nicht kapieren wollte.
Jedenfalls sind wir nach der Landung zwar noch miteinander die Gangway runter, aber wir haben kein Wort mehr miteinander gesprochen. Wir haben uns bis heute nicht wiedergesehen.
In den ersten Wochen danach gab Biggi ungefähr fünftausend Exclusivinterviews, so dass ich bald vor der ganzen Welt blamiert war. Meine Freunde fingen an, mich zu verachten oder lachten mich aus, weil ich inzwischen als peinlichster Mensch auf Erden galt. Meine Kumpels bei der ESA saßen bald alle auf der Straße. Mein letzter Kontakt mit ihnen war eine kurze Nachricht, dass sie für nichts garantieren könnten, falls ich ihnen mal unter die Finger kommen sollte.
Mein Leben hatte sich in Folge der Mondaktion völlig verändert. Durch den Skandalprozeß hatte ich meinen Job und mein letztes Geld verloren, und dabei hatte ich immer noch Glück gehabt, weil ich nur Bewährung wegen Missbrauchs von Steuergeldern bekam.
So zog ich mich zurück, lebte billig und deprimiert, ständig verfolgt von höhnischen Fernseh- und Radioteams. Dazu kam, dass ich von Biggi immer noch nicht loskam. Ich glaubte nach wie vor, dass wir füreinander geschaffen waren. Ich wollte nichts anderes, als mit ihr zusammen zu sein.
Als die nächste Mondmission dann meine Kamera fand, wurde ich nochmal zum Gespött der Welt. Das Video verkaufte sich ein paar Millionen mal, vom Internet nicht zu sprechen. Von dem Geld sah ich natürlich keinen Cent, weil die Kamera ESA-Eigentum war, und weil ich der ESA auf dem Papier immer noch achthundert Millionen schulde.
Mittlerweile hat Biggi ihre eigene Talkshow. Ich nehm mir alle ihre Folgen auf, auch wenn Ingo das bei unseren Sitzungen immer als Erstes beanstandet. Er meint immer, ich sollte den Blick nach vorne richten und mich mit anderen Dingen beschäftigen, neue Hobbies anfangen und so. Aber das ist nicht so leicht.
Gestern habe ich in der Selbsthilfegruppe Suleika kennengelernt, eine Sultanstochter aus dem Morgenland. Der Sänger der erfolglosen Band Saukopf hat sie drei Jahre lang finanziell ausgenommen und verarscht. Jetzt ist sie ein nervliches Wrack, das erst langsam wieder zu sich findet.
Wer weiß, letzte Nacht träumte ich von einem Computerspiel. Suleika und Biggi spielten darin zwei Weltraumritter, die gegeneinander kämpften. Mit ihrem arabischen Laserschwert schnitt Suleika Biggi ihre langen Haare und die superlangen Beine ab. Daraufhin verwandelte Biggi sich in einen riesigen, irgendeine grünliche Flüssigkeit speienden Drachen und flatterte davon in Richtung der Berge, die die Hintergrundlandschaft des Spiels bildeten. Suleika senkte ihr Schwert, vom Kampf noch ganz außer Atem, und lächelte mich an.



Sie lasen: Die Mondpleite von Stefan Schlüter

Der Herausgeber:
Mit Hilfe des selbstgedrehten Videofilms und der Aufzeichnungen der Kontrollinstrumente lässt sich die von Schlüter beschriebene Expedition zu großen Teilen nachvollziehen. Die Ergebnisse der Materialauswertung stimmen mit dem Bericht des Autors so weitgehend überein, dass man sagen kann: Im Rahmen seiner Möglichkeiten sprach der Verfasser die Wahrheit, mit allerdings einer merkwürdigen Ausnahme.
Ob Stefan Schlüter diese Episode nur einfach übersah, für nicht wichtig erachtete oder sie bewusst ignorierte, ist heute nicht mehr eindeutig zu klären. Die Interpretationen weichen in diesem Punkt weit auseinander. Mögliche Motive gäbe es einige, genannt sei hier nur der allgemein für am bedeutendsten erachtete, der Versuch nämlich, Biggi, die mittlerweile zu großer Prominenz gelangt war, zu decken.
Der Vorfall ereignete sich etwa vier Stunden vor der Landung auf dem Mond und sei hier, zur abschließenden und vollständigen Information, wörtlich zitiert:

Völlige Stille. Auf den Bildschirmen flimmern Börsenkurse, Biggi sitzt angeschnallt in deren Betrachtung versunken. Stefan schwebt in der Küchennische, in der Hand eine große Tube mit Flüssigroastbeef. Seine Augen sind tränenfeucht, sein Blick ist auf Biggi fixiert.
Die Lichter gehen aus, das Schiff schaltet in den Nachtmodus. Fünfzehn Minuten vergehen. Auf Biggis Gesicht spiegelt sich matt das Leuchten der Bildschirme. Stefan in der Nische ist nur noch eine düstere Silhouette. Fast übermächtig der Sternenschimmer durch die Fenster.
Biggi?..
Ja?..
Biggi..
Ja, was ist denn? Mein Gott..
Biggi, du hast seit 56 Stunden nichts mehr gegessen.
So ein Quatsch.
Biggi, du musst et-
Natürlich hab ich was gegessen. Wie kommst du denn drauf, dass ich nichts gegessen hab?
Biggi..
So ein Scheiß.
Biggi, ich hab die Vorräte kontrolliert.
..Spionierst du etwa hinter mir her? Du spinnst doch! Und außerdem hab ich was gegessen, ich hab was mit reingeschmuggelt.
Was denn?
..Ein paar Snickers.
Biggi, du hast nichts mitreingeschmuggelt.
Natürlich hab ich. Woher willst du denn das wissen?
Biggi, du hattest nichts dabei, nur dein Schminkzeug, deine Klamotten und die Plüschtiere.
Genau, ich hab sie in den Plüschtieren versteckt.
Biggi, du musst etwas essen.
Sag mal, was ist denn los mit dir? Spinnst du? Kümmer dich doch um deinen eigenen Kram.
Biggi, du brauchst Kraft auf dem Mond.
Laß mich doch in Ruhe. Da, schau! Jetzt hab ich den Aktienjump verpaßt. Scheiße nochmal.
Biggi, du musst was essen.
He, komm bloß nicht näher mit deiner Scheißtube.
Das ist Roastbeef. Das magst du doch.
Aber nicht jetzt! Ich bin satt bis obenhin. Hau ab! Was willst du denn?
Biggi, du musst..
Hau ab! Fass mich nicht an!
Biggi,-
Du Schwein! Du-gl-gl-gl...(hustet) Schwein! Drecksau! Arschloch!
Das tut dir nur gut!
Ich glaub, ich muss kotzen… Wixer. Du Wixer du!!
(Stefan hantelt sich wortlos wieder zur Kochnische, wirft die leere Tube in den Abfallkorb.)