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Sonntag, 4. April 2010

Die Mondpleite - Zweiter Teil


                                                                                                                                           
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Ich zündete den Störsender per Fernbedienung und stellte die Videokamera auf. Beiläufig erklärte ich, dass Biggi jetzt ihr Mikro zur Bodenkontrolle abschalten könne.
"Wieso soll ich mein Bodenmikro abschalten?" fragte sie.
"Einfach so." sagte ich.
"Was, einfach so."
"Na, so halt."
"Was halt. Ich brech doch ohne Grund nicht meine Verbindung zur Bodenstation ab. Was ist, wenn was passiert?"
Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich ihr sofort alles erzählen sollte. Aber dann hätte ich die Überraschung vergessen können.
"Ich hab was vor, Biggi." sagte ich. "Es dauert nicht lang. Aber das geht nur, wenn du dein Mikro ausmachst."
"Und was ist, wenn was passiert?"
"Was soll denn passieren? Ich hab doch alles kontrolliert."
"Also ohne Grund mach ich das Bodenmikro nicht aus."
"Biggi, jetzt mach bitte das Scheißmikro aus! Dafür zahl ich doch den ganzen Scheißflug!"
Wahrscheinlich war es das erste Mal in meinem Leben, dass ich so laut geworden war, und Biggi mich erstaunt an. Dann machte sie ihr Mikro endlich aus.
"Zufrieden?" fragte sie.
"Ja." sagte ich mit belegter Stimme.
Ich schaltete über Fernsteuerung den Rekorder im Shuttle ein, und in unseren Helmlautsprechern startete Biggis Lieblingssong, "2gether 4ever" von den Sixty Six Sexy Boys.
Ich zog meinen Blumenstrauß aus der Tasche, die für die Gesteinsproben vorgesehen war, und ließ mich auf die Knie fallen.
"Was machst du denn jetzt?" fragte Biggi.
"Biggi." sagte ich angestrengt.
"Was sind denn das für Dinger?" fragte sie weiter.
Sie meinte meinen gefärbten Hanf.
"Das sind die einzigen Hochzeitsblumen, die bei minus 200 Grad nicht kaputtgehen!" antwortete ich schnell.
Jetzt blieb sie endlich still. Ich holte noch ein paar Mal Luft, der Sauerstoff setzte mir irgendwie immer mehr zu, dann ließ ich es endlich raus.
"Bi-Biggi, willst du meine Frau werden?"
Stille.
"Was?"
"Biggi, du bist die Beste, das weißt du. - Lass uns heiraten."
"Sag mal... Meinst du das ernst?"
Ich schwitzte plötzlich wie wahnsinnig und fing an, an meiner Anzugheizung herum zu fummeln.
"Wir lieben uns doch." sagte ich währenddessen. "Du hast doch immer gesagt, du liebst mich, und ich hab's dir auch gesagt."
Sie sah mich ungläubig an.
"Sag mal, spinnst du?"
"Bitte, ich hab doch alles für uns getan." gab ich zurück.
"Was? Mannomann.., du Idiot! Du weißt doch genau, dass ich seit einem Jahr mit Ritschie zusammen bin."
"Was, Ritschie? Nein... Aber wir müssen heiraten, Biggi. Ich kann ohne dich nicht mehr leben. Wir haben doch so viel gemeinsam."
"Was?"
"Du hast doch selber gesagt, wir haben so viel gemeinsam.."
"Ja, aber im Geschäft! Im Geschäft haben wir so viel gemeinsam, weil wir da alle gleich sind. Cool, wohlüberlegt, super-rational, das sind wir doch alle." Sie zögerte kurz. "Das ist doch kein Grund zum Heiraten. Und ich liebe Ritschie."
"Aber-" Mir fiel nichts mehr ein und ich fing an zu heulen.
Biggi schwieg. Ich glaube, sie sah mich mitleidig an, wie ich immer noch dakniete, mit hängendem Helm, den Anzug, die Tasche und den Hanf voll mit Monddreck.
Ich konnte mit dem Schluchzen nicht mehr aufhören. Da bückte Biggi sich zu mir runter und knuffte mich an der Schulter.
 "Jetzt komm schon, wir sind doch Freunde." sagte sie.
"Biggi, bitte" heulte ich wieder los. "wir müssen heiraten. Ich kann doch ohne dich nicht mehr. Liebe, Sex, und Zärtlich Sein!"
Doch damit hatte ich den Bogen wahrscheinlich überspannt. Biggi schüttelte bloß noch ihren Helm und sprang wieder hoch.
"Du spinnst ja." rief sie nochmal. "So ein blödes Theater. Ich hab auch noch andere Sachen zu tun. Ich will jetzt wieder heim."
Sie stolperte in Richtung Shuttle davon.
Ich rief ihr nach: "Biggi, bitte..." Aber sie ließ sich nicht mehr aufhalten. Bald war sie am Shuttle angekommen und kletterte die Leiter hoch.
Mit einem Mal wurde ich panisch und hüpfte ihr mit Riesenschritten hinterher. Ich hatte noch nicht mal die Hälfte der Strecke zurückgelegt, da hörte ich ihre Stimme schon im Helmlautsprecher. Sie schien mit sich selbst zu sprechen.
"Wo ist denn hier der Startknopf?" fragte sie.
Es war der reine Zufall, dass sie das vergessen hatte, und mein Glück! Als ich den Shuttle erreichte, war sie gerade dabei, die Sauerstofftanks zu entlüften. Das wäre unser beider sicherer Tod gewesen.
Ich stürzte ins Cockpit, riss sie vom Steuerpult weg und kontrollierte die wichtigsten Parameter. Es war noch alles in Ordnung, zumindest was die Technik betraf. Unter Tränen startete ich die Triebwerke und brachte den Shuttle zurück auf Kurs Terra.
Biggi verzog sich unterdessen in die von mir entfernteste Ecke und starrte ins Weltall raus.
Als ich die technischen Dinge erledigt hatte und der Shuttle endgültig wieder auf Kurs war, versuchte ich, die Sache irgendwie auszureden. Aber Biggi nannte mich nur immer wieder einen Idioten oder dummen Arsch und ärgerte sich, was sie wegen des Scheißmondfluges alles versäumt hatte.
Dann befreiten sich auf einmal die Mäuse aus ihrer Versuchsanordnung und schwebten schwerelos im Cockpit herum.
"Schau doch, Biggi, die Mäuse, sind sie nicht lustig?" sagte ich.
Aber Biggi sah nicht hin.
Irgendwann später stieß sie sich von ihrem Aussichtsplatz ab und schwebte zum Funkgerät rüber. Im Mondlicht glich ihre Silhouette einer Fledermaus ohne Flügel. Der bestaussehendsten, eingeschnapptesten, einen zum Wahnsinn treibendsten Fledermaus, die man sich vorstellen kann.
Sie landete auf dem Funkhocker und nahm den Telefonhörer ab. Eine Zeitlang horchte sie. Dann sah sie den Hörer fragend an.
"Der Störsender!" fuhr es mir in den Kopf. Ich stürmte zum Schalterkasten.
Kaum hatte ich den Sender herausgerissen und die wichtigsten Leitungen wieder angeschlossen, füllte der Shuttle sich mit den besorgten Rufen der Bodenkontrolle:
"Hallo, Mission LoveBoat! Hallo, da oben, könnt ihr uns hören?"
Die Besorgnis der Bodenkontrolle war absolut gerechtfertigt. Wir hatten uns seit Stunden nicht mehr gemeldet.
"Alles okay. Wir hören euch laut und deutlich." bestätigte Biggi.
Ich versuchte gerade, mich mit Wackelkontakten in unseren Mikros rauszureden, als die Verbindung noch einmal abbrach. Für ein paar Sekunden war die Leitung wie tot, dann meldeten sich die Stimmen meiner Freunde bei der ESA.
"Stefan, du Idiot, jetzt geh schon ran!"
"Hallo, Leute." sagte ich vorsichtig.
Ein paar Minuten lang ließen meine Kumpels jetzt Dampf ab, dass sie mich nicht weiter unterstützen könnten, dass sie ihre Köpfe ohnehin schon meterweit rausgestreckt hätten und dass ich jetzt metertief in der Scheiße stecke, und dass sie mich nicht mehr decken könnten, wenn es bis zu einer Anklage vorm Europagerichtshof kam, was sie mir jetzt schon garantieren könnten. Das Schlimme war, dass meine Freunde recht hatten. Schließlich war ich es, der die Vereinbarungen gebrochen hatte.
Zum Ende hin wurden sie dann nochmal versöhnlicher.                                                                                    
"Immerhin," sagten sie, "wenn eure Bodenproben das zeigen, was wir erwarten, dann sind euch wenigstens noch ein paar Orden sicher!"
Ich starrte durchs Heckfenster. Die Tasche für die Bodenproben lag immer noch im Krater. Ich hatte sie total vergessen. Genauso die Videokamera. Das hieß, die nächste Mondmission würde sich spielend die Tragödie, die ich eigentlich vertuschen hatte wollen, zu Gemüte führen können.
Biggi schien auf einmal zu realisieren, was ich alles verbockt hatte, und sah mich so befremdet an, als wäre ich irgendein Außerirdischer.
"Du bist so ein unvorstellbarer Verlierer, Stefan." sagte sie, ihren Hörer noch immer in der Hand. Dann tippte sie die Nummer ihrer Mutter.
Während Biggi in der Folge ihrer Mutter und ungefähr hundert anderen Leuten ihr Herz ausschüttete, gelang es mir, die Bodenkontrolle davon zu überzeugen, dass ich geistig noch zurechnungsfähig war.
Dann meldete sich plötzlich Melanie, meine frühere Verlobte. Melanie ist so ziemlich der zuvorkommendste Mensch auf der Welt, aber diese pausenlosen offenen Gespräche hält irgendwann kein Mensch mehr aus. Melanie ist einfach nicht fähig von ihrer Arbeit abzuschalten, sie führt Therapiegespräche vierundzwanzig Stunden am Tag. Irgendwann treibt das jeden die Wände hoch.
"Willst du sprechen, Stefan?" fragte sie so ernsthaft und ehrlich, wie nur Mel es kann.
Ich schlug schreiend auf ein paar Armaturen ein. Da schalteten sie Melanie wieder aus der Leitung.
Biggi war inzwischen alles egal. Sie übersah mich und hantelte sich zu ihrer Schlafkoje rüber. Plötzlich fiel mir ein, dass ich dort vor unserem Mondspaziergang in froher Hoffnung das Geschenk meines Chefs deponiert hatte. Ich stürzte auf die Koje zu, doch Biggi hatte das fein verpackte Paket schon in der Hand. Sie machte es auf.
"Was ist das?" fragte sie scharf.
"Ein Negligee." sagte ich.
"Das seh ich auch." gab sie zurück. "Und die Bommel an den Enden, wozu sind die gut?"
"Damit es schwebt.."
"Was?"
"Es ist ein Raumnegligee. Wenn man es in Schwerelosigkeit anzieht, schwebt es automatisch nach oben."
"Du Schwein!"
Sie warf mir wütend die Schachtel auf den Kopf und schwang sich in die Koje. Ich versuchte nochmal mit ihr reden, aber sie sah mich jetzt nicht mal mehr an. Sie schluckte ein paar Schlaftabletten und wachte nicht mehr auf bis zur Landung.

Vor ein paar Wochen hat mir Ingo, mein Therapeut, dieses Zitat von DJ Versager gegeben, das ich mir übers Bett hängen sollte. Ich hab es über die Kaffeemaschine geklebt. Es lautet:

Drei Tage lang quasselte sie am Telefon belangloses Zeug.
Einem ausgehungerten Blauwal gleich verschlang ich jedes einzelne Wort…

Ich lese den Spruch jetzt jeden Morgen beim Kaffeemachen, und ich glaube schon, dass ich ihn irgendwie verstehe, aber ich finde halt, dass er nicht ganz zutrifft. Irgendwie reduziert er Biggi doch. Sie ist doch ein Mensch, denkt und hat Gefühle, Gefühle, die ich nicht kapiert hatte, die ich vielleicht auch gar nicht kapieren wollte.
Jedenfalls sind wir nach der Landung zwar noch miteinander die Gangway runter, aber wir haben kein Wort mehr miteinander gesprochen. Wir haben uns bis heute nicht wiedergesehen.
In den ersten Wochen danach gab Biggi ungefähr fünftausend Exclusivinterviews, so dass ich bald vor der ganzen Welt blamiert war. Meine Freunde fingen an, mich zu verachten oder lachten mich aus, weil ich inzwischen als peinlichster Mensch auf Erden galt. Meine Kumpels bei der ESA saßen bald alle auf der Straße. Mein letzter Kontakt mit ihnen war eine kurze Nachricht, dass sie für nichts garantieren könnten, falls ich ihnen mal unter die Finger kommen sollte.
Mein Leben hatte sich in Folge der Mondaktion völlig verändert. Durch den Skandalprozeß hatte ich meinen Job und mein letztes Geld verloren, und dabei hatte ich immer noch Glück gehabt, weil ich nur Bewährung wegen Missbrauchs von Steuergeldern bekam.
So zog ich mich zurück, lebte billig und deprimiert, ständig verfolgt von höhnischen Fernseh- und Radioteams. Dazu kam, dass ich von Biggi immer noch nicht loskam. Ich glaubte nach wie vor, dass wir füreinander geschaffen waren. Ich wollte nichts anderes, als mit ihr zusammen zu sein.
Als die nächste Mondmission dann meine Kamera fand, wurde ich nochmal zum Gespött der Welt. Das Video verkaufte sich ein paar Millionen mal, vom Internet nicht zu sprechen. Von dem Geld sah ich natürlich keinen Cent, weil die Kamera ESA-Eigentum war, und weil ich der ESA auf dem Papier immer noch achthundert Millionen schulde.
Mittlerweile hat Biggi ihre eigene Talkshow. Ich nehm mir alle ihre Folgen auf, auch wenn Ingo das bei unseren Sitzungen immer als Erstes beanstandet. Er meint immer, ich sollte den Blick nach vorne richten und mich mit anderen Dingen beschäftigen, neue Hobbies anfangen und so. Aber das ist nicht so leicht.
Gestern habe ich in der Selbsthilfegruppe Suleika kennengelernt, eine Sultanstochter aus dem Morgenland. Der Sänger der erfolglosen Band Saukopf hat sie drei Jahre lang finanziell ausgenommen und verarscht. Jetzt ist sie ein nervliches Wrack, das erst langsam wieder zu sich findet.
Wer weiß, letzte Nacht träumte ich von einem Computerspiel. Suleika und Biggi spielten darin zwei Weltraumritter, die gegeneinander kämpften. Mit ihrem arabischen Laserschwert schnitt Suleika Biggi ihre langen Haare und die superlangen Beine ab. Daraufhin verwandelte Biggi sich in einen riesigen, irgendeine grünliche Flüssigkeit speienden Drachen und flatterte davon in Richtung der Berge, die die Hintergrundlandschaft des Spiels bildeten. Suleika senkte ihr Schwert, vom Kampf noch ganz außer Atem, und lächelte mich an.



Sie lasen: Die Mondpleite von Stefan Schlüter

Der Herausgeber:
Mit Hilfe des selbstgedrehten Videofilms und der Aufzeichnungen der Kontrollinstrumente lässt sich die von Schlüter beschriebene Expedition zu großen Teilen nachvollziehen. Die Ergebnisse der Materialauswertung stimmen mit dem Bericht des Autors so weitgehend überein, dass man sagen kann: Im Rahmen seiner Möglichkeiten sprach der Verfasser die Wahrheit, mit allerdings einer merkwürdigen Ausnahme.
Ob Stefan Schlüter diese Episode nur einfach übersah, für nicht wichtig erachtete oder sie bewusst ignorierte, ist heute nicht mehr eindeutig zu klären. Die Interpretationen weichen in diesem Punkt weit auseinander. Mögliche Motive gäbe es einige, genannt sei hier nur der allgemein für am bedeutendsten erachtete, der Versuch nämlich, Biggi, die mittlerweile zu großer Prominenz gelangt war, zu decken.
Der Vorfall ereignete sich etwa vier Stunden vor der Landung auf dem Mond und sei hier, zur abschließenden und vollständigen Information, wörtlich zitiert:

Völlige Stille. Auf den Bildschirmen flimmern Börsenkurse, Biggi sitzt angeschnallt in deren Betrachtung versunken. Stefan schwebt in der Küchennische, in der Hand eine große Tube mit Flüssigroastbeef. Seine Augen sind tränenfeucht, sein Blick ist auf Biggi fixiert.
Die Lichter gehen aus, das Schiff schaltet in den Nachtmodus. Fünfzehn Minuten vergehen. Auf Biggis Gesicht spiegelt sich matt das Leuchten der Bildschirme. Stefan in der Nische ist nur noch eine düstere Silhouette. Fast übermächtig der Sternenschimmer durch die Fenster.
Biggi?..
Ja?..
Biggi..
Ja, was ist denn? Mein Gott..
Biggi, du hast seit 56 Stunden nichts mehr gegessen.
So ein Quatsch.
Biggi, du musst et-
Natürlich hab ich was gegessen. Wie kommst du denn drauf, dass ich nichts gegessen hab?
Biggi..
So ein Scheiß.
Biggi, ich hab die Vorräte kontrolliert.
..Spionierst du etwa hinter mir her? Du spinnst doch! Und außerdem hab ich was gegessen, ich hab was mit reingeschmuggelt.
Was denn?
..Ein paar Snickers.
Biggi, du hast nichts mitreingeschmuggelt.
Natürlich hab ich. Woher willst du denn das wissen?
Biggi, du hattest nichts dabei, nur dein Schminkzeug, deine Klamotten und die Plüschtiere.
Genau, ich hab sie in den Plüschtieren versteckt.
Biggi, du musst etwas essen.
Sag mal, was ist denn los mit dir? Spinnst du? Kümmer dich doch um deinen eigenen Kram.
Biggi, du brauchst Kraft auf dem Mond.
Laß mich doch in Ruhe. Da, schau! Jetzt hab ich den Aktienjump verpaßt. Scheiße nochmal.
Biggi, du musst was essen.
He, komm bloß nicht näher mit deiner Scheißtube.
Das ist Roastbeef. Das magst du doch.
Aber nicht jetzt! Ich bin satt bis obenhin. Hau ab! Was willst du denn?
Biggi, du musst..
Hau ab! Fass mich nicht an!
Biggi,-
Du Schwein! Du-gl-gl-gl...(hustet) Schwein! Drecksau! Arschloch!
Das tut dir nur gut!
Ich glaub, ich muss kotzen… Wixer. Du Wixer du!!
(Stefan hantelt sich wortlos wieder zur Kochnische, wirft die leere Tube in den Abfallkorb.)


Die Mondpleite - Erster Teil



Teil einer Reihe von Texten, Ende der Neunziger unter dem Titel "Aus der Welt des 21. Jahrhunderts" konzipiert, die jeweils mit einem Kommentar aus dem 22. Jahrhundert versehen werden sollten. Drei Arbeiten, so weit ich das übersehe, existieren noch: "Die Geschichte meiner Liebe und meines Erfolgs" über den ersten computergenerierten Bestseller, "Wie wir uns kennenlernten" über eine zukünftige, in Augsburg angesiedelte Heiratsagentur und die hier folgende "Die Mondpleite".
In ihrem selbstverständlichen Größenwahn kann diese Arbeit recht passend noch zu den frühen Grotesken gerechnet werden. Immerhin, in der Übersichtlichkeit des Textes, in dessen linearem Ablauf, im gezielten Wechsel der Schauplätze und in einigen Gags (das Raum-Negligee erscheint mir immer noch als ziemlich guter Witz) spiegelt sich eine gewisse Qualität. In gleicher Weise die Schluss-Szene, die in ihrer lakonischen Größe und im Vergleich zu Schlüters einfacher Erzählsprache und demonstrativer Naivität ein wenig wie aufgesetzt wirkt.
Man beachte weiterhin die leider nicht mehr aktuelle Anspielung auf Michael Jackson, dem ich damals und bis zuletzt nur noch den allergrößten Mist zugetraut habe. Ein wenig zu Unrecht natürlich, denn auf ein, zwei gute Nummern und ein herzzerreißend defektes Video hat dieser große Leidende es zu Lebzeiten immerhin noch gebracht.


Aus der Welt des 21. Jahrhunderts:

Die Mondpleite


Als ich mich in Biggi verliebte, hatten wir schon einige Zeit in derselben Firma gearbeitet, ohne dass wir uns gegenseitig einmal besonders aufgefallen wären. Nachdem wir uns dann aber bei der Grillparty eines Kollegen näher kennengelernt hatten, hatte es plötzlich gefunkt, und auf einmal war es so, als hätten wir uns schon zwanzig Jahre gekannt. Wir trafen uns irgendwie immer öfter, zogen uns, wenn wir zusammen  waren, gegenseitig durch den Kakao und steckten unsere Freunde mit unserer guten Laune an. Bald wusste jeder in unserem Bekanntenkreis, dass, wenn Biggi und ich auf derselben Party auftauchten, für die Stimmung so gut wie gesorgt war.
Biggi wurde allgemein als echte Schönheit beschrieben, und ich hätte dieser Ansicht als Letzter widersprochen. Sie war einachtzig groß, ihre Figur war vollkommen, und besonders ihre superlangen Beine wurden immer wieder bewundernd erwähnt.  Ihr Haar war schulterlang und immer super gepflegt, so als wäre sie jeden Tag beim Friseur, und wenn sie lachte, was ziemlich oft vorkam, dann bildeten sich zwischen ihren Augenbrauen immer zwei attraktive senkrechte Falten. Biggi war eine Traumfrau auf den ersten Blick, und die Kerle liefen ihr in Scharen hinterher.
So war es also eigentlich kein Wunder, dass es eines Tages auch mich wie ein Schlag traf und mir klar wurde, dass ich nicht nur schon vom ersten Moment an in Biggi verknallt war, sondern dass ich ohne sie nicht mehr leben konnte noch wollte. Wir hatten oft genug im Scherz und halb im Ernst ausgesprochen, dass wir uns liebten, und jetzt galt es eben Ernst zu machen, und auch noch den letzten Schritt zu tun.
Nachdem ich mir über meine Gefühle klar geworden war, war mir auch sofort klar, was ich zu tun hatte. Es konnte nur das Abgefahrenste und das Beste sein. Das war ich allein schon meinen eigenen Ansprüchen schuldig. Dass ich dann die Idee mit der Mondmission hatte, war eigentlich nur eine logische Konsequenz.
Je mehr ich mich in den Wochen danach mit dem Mond beschäftigte, desto stärker faszinierte er mich. Ich fing an Bücher zu lesen, im Internet zu recherchieren. Schon immer stand der Mensch unter dem Einfluss des Mondes, ließ sich von ihm erregen, verführen und inspirieren. Wie viele große Taten mögen unter Lunas Schein geschehen sein? Welche Meisterwerke entstanden gerade wegen dieses Typen Luna! Beispielsweise ist bewiesen,
·          dass Romeo das erste Mal bei Mondschein vor Julia auf die Knie fiel,
·          dass Johann Wolfgang von Goethe fast nur bei Vollmond Gedichte schrieb,
·          dass Michael Jackson unter Lunas Strahl die Ureingebung zu seiner zeitlosen Lovestory hatte.
Und das sind ja nur ein paar Beispiele!
Die Äquivalenz zwischen menschlicher Zuneigung und der Existenz des Mondes erschien mir als absolut ungeheuer, und auf dieser Grundlage war mein Einfall auch absolut folgerichtig. Das ganze Projekt war die Krönung unser ganzen Beziehung!
Irgendwann war ich dann mit der Planung fertig, und der praktische Teil konnte beginnen. Es gab hunderttausend Sachen zu organisieren, Stunden über Stunden verbrachte ich am Handy und vorm Computer, dazu kamen zwei Riesen-Geheimparties, einmal auf der Zugspitze und einmal auf Sylt, ein paar Ortstermine und so viele geheime Treffen in schicken Bars und Restaurants, dass ich irgendwann zu zählen aufhörte.
Nach vier Monaten ungefähr hatte ich dann alles geschafft. Mein Bankkonto hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon heillos überzogen, und ich persönlich stand knapp vorm Nervenzusammenbruch, aber mein Plan war dafür perfekt. Unser Chef hatte mir die Termine gegeben, wann Biggi frei haben konnte, eine Gärtnerin hatte mir erklärt, dass farbige Hanfblüten die einzige Blütenart überhaupt sind, die bei minus zweihundert Grad und ohne Sauerstoff nicht gleich kaputt geht, das Flugproblem selbst hatte ich durch das Geld und meine Freunde bei der ESA gelöst.
Als ich dann endgültig sicher sein konnte, dass alles klar gehen würde, lud ich Biggi zu Meier's ein, dem schicksten Restaurant in der Stadt. Beim Schein der schönen Kerzen kam sie mir vor wie ein höheres Wesen. Es war unglaublich.
Nach dem Dessert bestellten wir Cappuccinos und ich erklärte ihr meine Pläne. Biggi war absolut hingerissen. Sie fiel mir um den Hals, rief ein paar Mal "Ich liebe dich, Stefan!" und gab mir einen innigen Kuss. So begeistert hatte ich sie noch nie gesehen.
Natürlich hatte ich vorher schon gewusst, dass es Biggis größter Traum war, einmal schwerelos zu sein und die Erde von oben sehen zu können, aber ihre offene Begeisterung war die perfekte Bestätigung, dass mein Plan funktionierte. Schon am nächsten Tag holten uns ein paar ESA-Vertreter zur ersten Vorbesprechung ab.
Die Wochen, die unserem Dinner bei Meier's dann folgten, verstrichen wie ein Flug in Lichtgeschwindigkeit. Arbeit, Packen, Weltraumtraining und viele gemeinsame Stunden mit Biggi. Es war eine wunderbare Zeit voller Glück und Hoffnung auf eine vereinte Zukunft.
So rückte der Starttermin immer näher. Drei Tage vor dem Takeoff war die Vorbereitung beendet, und die ESA gab uns frei. Ein Baby-Airbus brachte uns über die Alpen, nach Triest, wo wir uns im Hotel Filippo Lippi in der zur ESA gehörenden Astronautensuite einquartierten. Das von den ESA-Psychologen ausgegebene Motto für die letzten Tage hieß "Erholung Pur", und dementsprechend ließen wir uns im Hotel verwöhnen. Wir nahmen den Wellness-Service in Anspruch, wo es nur ging. Doch ein totales Abschalten war zu der Zeit sowieso schon nicht mehr möglich. Der Mond hatte längst angefangen, seine unsichtbaren Tentakeln nach uns auszustrecken und unsere innere Anspannung nahm mit jedem Tag zu.
Dann endlich war der Tag gekommen.
Punkt Sechs Uhr Dreißig rüttelten uns unsere automatischen Betten aus dem Schlaf.
Gegen Acht waren wir mit dem Frühstück fertig und startbereit. Wir unterhielten uns gerade in der Lobby, als ein Hotelangestellter zu uns herantrat und meldete, dass der Convoy draußen schon warte.
Kurz darauf saßen wir schon in voller Fahrt in unserer Limousine, begleitet von zwanzig ESA-Motorrädern als Eskorte. Das schönste Wetter begleitete uns. Die Morgensonne leuchtete goldfarben über der unbewegten Adria und strahlte warm durch die getönten Scheiben unseres ESA-Daimlers.
Vor dem Service-Terminal hielt unser Chauffeur nochmal an. Wir stiegen aus und machten uns auf den Weg zum letzten Gesundheitscheck.
Professor Lumpi war während der Vorbereitungszeit unser Freund geworden. Wir brauchten unsere Köpfe nur durch den Türspalt in sein Behandlungszimmer zu stecken, da sprang er schon hoch und lief johlend und mit erhobenen Armen auf uns zu. Da es gerade erst zwei Tage her war, seit der Professore uns das letzte Mal untersucht hatte, dauerte es nicht lang, bis er uns bescheinigen konnte, dass wir topfit waren. Noch einmal kam er lachend und mit dem Laborbericht winkend auf uns zu. Er umarmte uns in seinem Überschwang gleichzeitig und wünschte uns einen guten Flug. Ich warf inzwischen einen Blick auf meine Schweizer Weltraumuhr. Sie zeigte 9 Uhr und 20 Minuten.
Gegen Neun Uhr vierzig hatten wir die Startrampe erreicht. Biggi und ich entstiegen langsam einem ESA-Mannschaftstransporter. Eine gewaltige Menschenmenge jubelte uns dabei zu. Ganz vorne, hinter den Absperrungen, sahen wir all unsere Freunde und Verwandten, unter anderem auch Ritschie, den ich für einen Idioten hielt, und den ich mit voller Absicht nicht eingeladen hatte. Dass jemand anders für seine Anwesenheit gesorgt hatte, konnte ich damals ja noch nicht wissen...
Trotzdem war ich glücklich in dem Moment und auf die wunderbarste Weise nervös. Ich wusste ja, dass ich nie allein sein würde da oben.
Wir hatten uns nach der Untersuchung bei Professor Lumpi gleich umgezogen. Jetzt in ihren Space-Leggings sah Biggi hübscher als jemals zuvor. Wir umarmten uns zum x-ten Mal und schüttelten unseren Freunden durch die Absperrgitter die Hände. Unser Chef übergab mir augenzwinkernd noch ein Geschenk. Ich ahnte, was in dem Päckchen drin war und zwinkerte grinsend zurück.
Dann intonierte die ESA-Kapelle die ersten Takte der Europahymne. Wir stützten alle die rechte Hand in die Hüften und sangen los: "Laßt uns alle Freunde sei-hein, Freunde für die Eewigkeit..."
Ich liebe diesen Song. Aus ein paar tausend Kehlen gesungen machte er uns tatsächlich alle zu Freunden, zumindest für die Dauer des Songs.
Als die Hymne dann beendet war, stiegen Biggi und ich in den Shuttle.
Der Countdown passierte die Vier-Minutengrenze. Biggi und ich saßen angeschnallt in unseren Schalensesseln und winkten ein wenig verunsichert durchs Fenster nach draußen. Unsere Freunde winkten alle lachend zurück und versuchten daumendrückend uns Mut zu machen. Ritschie benahm sich inzwischen schon wieder wie ein Wahnsinniger, hüpfte grunzend zwischen den Leuten rum und schnitt die dümmsten Grimassen, die man sich vorstellen kann. Am Ende durchbrach dieser Idiot auch noch die Absperrung, kniete sich vor unser Fenster hin und grinste rein wie ein völlig hirnlahmer Elch. Biggi kriegte sich gar nicht mehr ein vor Lachen.
Zum Glück hatte die Bodenkontrolle das alles mitgekriegt. Ich hatte schon Angst bekommen, man würde wegen des Blödmanns auch noch den Start abbrechen, aber dann schleppten ihn noch rechtzeitig zwei italienische Sheriffs ab.

Es war ein gewaltiges Gefühl, das Festland mit soviel Power zu verlassen. Der Rückstoß presste uns noch stärker in die Sitze als wir es vom Simulator her kannten. Die ersten hundert Kilometer waren wir kaum fähig, uns zu bewegen. Biggi drückte fest meine Hand, und ich drückte fest zurück. Ich war überglücklich. In dem Moment brauchten wir uns beide in gleichem Ausmaß.
Eine dreiviertel Stunde später hatten wir die Atmosphäre verlassen und durften uns abschnallen. Der Shuttle drehte noch eine schnelle Ehrenrunde, bevor wir in Richtung Mond starteten. Biggi und ich klebten am Panoramafenster, sie vorne und ich hinten dran, meine behandschuhten Hände auf ihrem Anzug.
Sie flüsterte: "Mein Gott. Das ist das Schönste, was ich je gesehen hab. Danke, Stefan, du bist der Beste."
"Nein, du bist die Beste, Biggi." sagte ich.
Dann fing der eigentliche Trip zum Mond an. Die Natrontriebwerke zündeten mit einem tiefem Knall und hinter uns erglänzte der leuchtende Schweif der Neutrinos. Drei Tage lang würden wir jetzt allein sein, zwei unbedeutende Staubkörner, allein zwischen zwei unbedeutenden Massekonzentrationen im All.
Ich stürzte mich sofort in die Arbeit. Der Forschungsauftrag, den uns die ESA erteilt hatte, lautete, einen Mäuseversuch zu überwachen und zwei Gesteinsproben aus unserem Mondkrater mitzubringen.
Der Mäuseversuch sollte die ganze Reise über laufen und bestand aus einem großen Parcours, bei dem die Mäuse zwischen allen möglichen Fressklappen, Lampen, elektrischen Türen und anderen Gimmicks auswählen mussten. Es war ziemlich lustig, den Mäusen zuzuschauen, wie sie versuchten, sich irgendwo fest zu halten und zu beschleunigen, während sie in der Luft schwebten. Ich merkte aber schnell, dass wir bei dem Versuch fast nichts zu tun hatten. Die Mäuse taten ihre Arbeit ja von allein, und den Rest erledigten der Computer und die Sensoren. Mir war das nur recht. So hatten wir noch mehr Zeit für uns und zum Sightseeing im All. Allerdings traten dann auch schon schnell die ersten Komplikationen auf.
Es war höchstens eine halbe Stunde vergangen, seit wir den Erdorbit verlassen hatten, als Biggi sich kreidebleich zu meinem Posten rüberhantelte.
"Ich glaub, mir ist schlecht, Stefan." stotterte sie.
Ich nahm sie tröstend in die Arme. Da fing sie auf einmal an zu schluchzen und bückte sich in der Schwerelosigkeit nach oben, so als müßte sie sich jeden Moment übergeben.
Ohne mir was anmerken zu lassen, reichte ich ihr eine Spucktüte, aber innerlich wurde ich langsam panisch. Was war, wenn es Biggi wirklich schlecht ging - oder wenn ich operieren musste?
Von solch dunklen Gedanken bedrängt, hantelte ich mich rüber zum Funkgerät und funkte zur Bodenkontrolle.
Monsieur le Professeur Roland, der diensthabende Arzt, stellte Biggi gleich ein paar medizinische Fragen. Biggi gab stockend und konzentriert Antwort. Danach musste der Computer ihren Blutdruck und ein paar Blutwerte kontrollieren, dann endlich stellte der Professor die Diagnose.
"Nichts Schlimmes, Mademoiselle, sie leiden an Raumkrankheit." sagte er schmunzelnd und verordnete Biggi ein paar Tabletten aus unserem Medizinschrank.
Nachdem Biggi die Tabletten geschluckt hatte, ging es ihr schnell wieder besser, und wir fielen uns erleichtert in die Arme.
Jetzt wurde es endlich Zeit, mit dem Auspacken zu beginnen. Unsere Kleidung, Biggis Plüschtiere, meine Hanteln und alles, was wir sonst noch mitgenommen hatten. Nachdem wir das erledigt hatten, waren die Interviews mit zwei der weltgrößten Fernsehanstalten, EURO TV und der M-I-B-A, der "most important broadcasting company of America", an der Reihe.
Während wir cool die Fragen der Journalisten beantworteten, sah ich oft aus dem Fenster, die Sterne zu betrachten und die Schwärze des Alls dazwischen. Die Empfindungen im Angesicht der Unendlichkeit sind absolut unbeschreiblich.
Nach den Interviews gab es endlich Mittagessen. Ich aß ein Trockensteak mit Gurken-Kartoffel-Salat und einem Generation Space-Pils dazu, das ich mit an Bord geschmuggelt hatte. Zum Glück sind die Zeiten des ungenießbaren Weltraumessens inzwischen längst vorbei. Das ganze Menü schmeckte absolut hervorragend.
Nach dem Essen merkten wir dann langsam, dass wir von dem Mäuseversuch abgesehen eigentlich überhaupt nichts zu tun hatten, und die Langeweile wurde allmählich zu einem echten Problem.
Eine Weile versuchten wir noch, uns mit irgendwelchen Routinekontrollen zu beschäftigen, aber lange hielten wir das nicht aus. Bald beherrschte die Langeweile den ganzen Shuttle. Dazu kam auch noch, dass Biggi immer noch nicht ganz auf dem Damm war wegen ihrer Raumkrankheit.
Angeschnallt lag sie auf der Krankenliege und starrte zum Fenster raus.
"Dieses Weltall ist immer gleich." meinte sie deprimiert und ließ sich in der Schwerelosigkeit hängen.
Ich stöberte in der Zwischenzeit im Shuttle herum und fand nach und nach heraus, dass außer unserem Privatgepäck und den Vorräten für die Notversorgung praktisch nichts an Bord war. An unsere Freizeit hatte anscheinend keiner gedacht. Wir hatten kein einziges Spiel mit an Bord, nichts was uns irgendwie die Zeit hätte vertreiben können, nur Berge von Fertigkost, und Biggi war ja auf Diät. Schnell wurden wir immer gereizter und fingen an, uns gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und fragte bei der Bodenkontrolle, ob wir noch irgendwas machen könnten, und das war unsere Rettung. Mrs. Greenthumb, die Chefin der Nachrichtenabteilung, wies uns auf ein paar versteckte Möglichkeiten in der Kommunikationsleitung hin, und von da an entspann sich ein fast ununterbrochenes Zwiegespräch zwischen uns, der Bodenkontrolle, unseren Freunden, ein paar staatlichen Fernseh- und Radiosendern und hauptsächlich dem unsäglichen Ritschie, der anscheinend Urlaub und sonst nichts zu tun hatte.
Ende des zweiten Tages entdeckte Biggi dann, wie man die Kommunikationsleitung an kommerzielle Sender koppelte und stellte den Empfänger auf Börsenline. Von da ab hieß es fast nur noch: Prozessor AG halben Punkt rauf, Software Plus halben Punkt runter, Dienstleistungs GMBH halben Punkt rauf...
Mit dem ruhigen Mondflug war es jetzt natürlich endgültig vorbei, denn Biggi war absoluter Börsenprofi. Nach einer kurzen Orientierungsphase spekulierte sie wie verrückt, und ich war auch bald mit dabei.
Nochmal zwei Tage später hatten wir unser Ziel dann endlich erreicht. Lautlos glitt der Shuttle in den Mondorbit. Wir prüften ein letztes Mal alle wichtigen Parameter, dann leiteten wir die Landung ein.
Schnell hatten wir uns der Mondoberfläche bis auf ein paar hundert Meter genähert. Wir trieben direkt auf den Blue Baju-Krater zu, genau so, wie ich es mit meinen Freunden bei der ESA besprochen hatte.
Biggi war in absoluter Hochstimmung. Kein Wunder. Sie hatte an der Börse kräftig abgesahnt, im Gegensatz zu mir. Aber ich war zu der Zeit sowieso schon mit anderen Dingen beschäftigt…
Da deutete Biggi plötzlich aus dem Fenster.
"So ein Zufall, Stefan!" rief sie. "Wir landen genau im Blue Baju-Krater, dem wahrscheinlich romantischsten Platz im bekannten Universum!"
Ich kicherte. "Tja, Zufälle gibt's."
Die Bremsraketen zündeten. Wie in Zeitlupe senkte sich der Shuttle ins Kraterinnere und landete federweich. Ab jetzt hatten wir drei Stunden Zeit für unseren Mondspaziergang.
Der große Moment war gekommen. Die Sonne stieg gerade über den östlichen Kraterrand. Das Spiel von Licht und Schatten auf dem Gestein war überwältigend.
Biggi legte ihre Spezialstiefel an. Ich löste solange die wichtigsten Leitungen und installierte behutsam den Störsender. Jetzt bloß nicht nervös werden, sagte ich mir innerlich immer wieder und checkte zum tausendsten Mal meine Liste:

Tasche
Blumen
Kamera
  Funkkontakt!!.

Die Shuttleluke glitt auf. Ich kletterte als Erster nach draußen und leistete Biggi, die sich mit der Leiter schwer tat, dann Hilfestellung.
"He, nicht grapschen!" rief sie über ihr Helmmikrofon.
Guter Witz, wie sollte ich durch den dicken Anzug durch grapschen können!
Ich wollte aber keinen Streit riskieren, und ließ sie alleine weitermachen. So kam sie am Boden schließlich auch ohne Hilfestellung an.
Wir schlossen uns über die Sicherheitsleine zusammen und nickten uns beide nochmal zu. Wir waren bereit. Auf mein Handzeichen hin gingen wir los.
Doch schon unser erster Schritt hätte fast zu einer Katastrophe geführt. Biggi hatte die Lunargravitation unterschätzt und sich viel zu fest abgestoßen. Wie eine Stumfilm-Rakete schwirrte sie an mir vorüber und hätte mich auch noch mitgerissen, wenn ich mich nicht gerade noch am Shuttle hätte festhalten können. Da Biggi über die Leine mit mir verbunden war, konnte auch sie nun nicht mehr weiter, und sie landete ein paar Meter weiter im Dreck.
Dort blieb sie auf dem Rücken liegen und kam von selbst nicht mehr hoch. Hilflos wie ein Käfer zappelte sie am Boden herum und schrie um Hilfe. Ich rannte ihr hinterher. Sie dann in meinen Moonboots und dem dicken Mondanzug wieder auf die Beine zu kriegen, war gar nicht so einfach. Immerhin aber hatte sie sich nicht weh getan, und ihr Anzug war noch in Ordnung, und so konnten wir weitergehen.
Biggi bekam jetzt schnell den Rhythmus. Nach kurzer Strecke ging sie schon freihändig, und ein paar Schritte weiter fing sie an, wie ein junges Mädchen herumzuhopsen. Durch die geringe Anziehungskraft des Mondes fiel ihr Haar, das unter dem Helm heraushing, bei jedem Schritt wie in Zeitlupe. Es sah aus, wie in einem Liebesfilm.
Ich merkte, wie ich immer nervöser wurde.
Ruhig bleiben, leierte ich innerlich gebetsmühlenartig vor mich hin.
Nachdem wir eine Weile umherspaziert waren, drehte Biggi sich mit einem hinterhältigen Lächeln zu mir um.
"Kann uns die Bodenstation jetzt hören?" fragte sie.
"Ich denk schon." sagte ich vorsichtig.
Da schrie sie auf einmal Ritschies Namen so laut, dass meine Paniksensoren Alarm schlugen. Ein paar Sekunden später klirrte Ritschies nervtötende Stimme dann schon aus unseren Helmlautsprechern:
"Jou, jou, kann dich hören, ugaugauga, bruuaah!!"
Der Blödmann äffte einen Gorilla nach. Biggi musste so lachen, dass sie nochmal hinfiel.
Die beiden redeten mindestens fünf Minuten lang, dann meinte Ritschie, dass er ins Training müsse und schaltete sich ab. Jetzt endlich war mein Moment gekommen.

                                                            Die Mondpleite – Zweiter Teil