Mittwoch, 6. Oktober 2010

Die Igelin



SciFi-Journalistik-Perle, Entstehungszeit um das Jahr 2000 herum.


Die Igelin

Ein jeder weiß, wo die TANKREDISCHEN WASSERFÄLLE liegen. Der Slogan "Canopus - Capella - 14 Sekunden linker Hand - planeteneinwärts zum weißen Tankred-Strand!" gehört zu den Hits im Universum, und der Landstrich östlich der Wasserfälle gehört zu den meistbesuchten im All. Erst kürzlich überstieg die Zahl der Gästebetten am Ostufer der Fälle die Marke von einer Milliarde, und das Gedränge, das sich jährlich zur Hochsaison dort bildet, ist ein Ereignis, das mit Worten zu beschreiben unmöglich ist.
Diese Seite des TANKRED ist hinreichend bekannt. Ich will an dieser Stelle von seiner anderen berichten.
Wendet das Auge des Betrachters sich nämlich einmal hinweg von der belebten Flußregion, von den wie Käfer sich tummelnden Touristik-Booten, -Fässern und -Gleitern entlang der Fälle, weg vom flachgetretenen Ufer der gesuchten und galaxienweit so beliebten Ostseite, hin nach dem wegen der Mücken- und Eidechsenschwärme praktisch unbewohnten Westufer, so erreicht man, nur wenige Kilometer weiter, das einsam sich breitende, noch weitgehend unbekannte Nebendelta des TANKRED-FLUSSES, wo unzählige Bächlein und Rinnsale sich über die SCHIEFE EBENE VON ZETT durch eine niedriges Gestrüpp von GUMBA-PFLANZEN gemächlich in den TANKREDISCHEN OZEAN ergießen. Durchquert man nun noch, mit Hilfe eines Gleiters oder eines SUMPF-BUGGIES, die daran anschließende, sumpfige GRENZLANDZONE, so trifft man nach etwa hundert Kilometern, eben an der Stelle, wo der letzte, bereits halb trockene Rest Sumpf sich zur MINOISCHEN STEPPE hin öffnet, ein kleines Gästehaus, über dessen Eingangstür ein altes Holzschild im Winde baumelt, ein Holzschild, das die Aufschrift trägt "Wirtshaus Zum Sumpf".
Das gepflegte, einfache Holzhaus gilt als eines der östlichen Tore zur Steppe. Eine der alten Nesselstraßen, die die Ödnis schon seit Urzeiten durchqueren, endet hier, früher führte ein Trampelpfad, der heute schon lang überwuchert und von den GUMBA verschlungen ist, von hier aus durch die Sümpfe weiter hin zu den Fällen und schließlich zur am Ostufer des TANKRED liegenden, allberühmten Hauptstadt TANKRERA-RORA-BELLE.
Der Steppenhandel ist heute nicht mehr bedeutend. Naturprodukte lassen sich anderswo der Norm entsprechend und billiger herstellen, so daß es kaum lohnt, den langen Weg in die Ödnis auf sich zu nehmen. Allein die Blüten der STEPPEN-NESSEL finden noch Absatz, werden als kostspielige Accessoires und Spielereien an die teureren Haushalte und Hotels am Ostufer des TANKRED verkauft.
Es ist still in der Gaststätte, als ich sie betrete, fast leer. An einem der groben Holztische in der Stube sitzt links von mir in der Ecke ein alter, zweibeiniger MINOS-NOMADE vor einem Krug STEPPEN-GERSTEN-BIER. Er blickt auf, ich hebe das rechte Knie zum traditionellen Gruß der Nomaden. Der Mann grüßt respektvoll zurück, trinkt einen Schluck, beschäftigt sich wieder mit sich selbst. Hinter der langen Bar, der Eingangstür gegenüber, steht Bomber, Ninoas Faktotum, und wartet, die Decke anblickend, auf Arbeit.
Auch Bomber ist MINOS-NOMADE, eine Voll-Waise, die von Ninoa erzogen wurde. Bomber spricht nicht, er gilt nicht gerade für klug. Seine Aufgaben in Wirtschaft und Haushalt erledigt er dennoch verläßlich. Seit dem Tod ihres Mannes ist Bomber für Ninoa unverzichtbar.
Ich lernte Ninoa vor vielen Jahren kennen, als ich an meiner ersten Reportage über die Minos-Nomaden arbeitete. Drei von vier Karawanen, denen ich mich damals im Zufallsverfahren anschloss, zogen nach Osten und landeten schließlich hier, ihre gesammelten Blüten zu veräußern, und Güter, die sie benötigten, bei fliegenden Händlern einzukaufen.
Ich setze mich an die Bar und sehe erst jetzt, dass auch Ninoa hier ist. Sie wischt die Gläserspüle aus. Als sie sich einen Moment später zu mir umwendet, frage ich:
"Wie geht's dir, Ninoa?"
Ninoa wackelt antwortend mit ihrem Kopf auf eine Weise, die alles bedeuten könnte, und meint, es gehe ihr eben so.
Ich hake nach. "Und die Geschäfte?"
Ninoa wendet sich ab und scharrt mit ihrer linken Pfote. Ich kenne das Zeichen von meinen früheren Besuchen. Es bedeutet, Ninoa hat wieder Ärger mit den Trike-Fahrern. Dies erklärt auch ihr nüchternes Auftreten. Ninoa gilt allgemein für eine sehr herzliche Wirtin.
Ich bestelle mir eine Limonade, die Bomber mir einschenkt, und harre schweigend der Gäste, die kommen. Der Alte am Tisch bestellt einen Schnaps. Branntwein aus dieser Ecke des Planeten ist mit seinem GUMBA-AROM für Wesen, die Geschmacksnerven besitzen, völlig ungenießbar. Eine Tatsache, über die ich Ninoa schon oft schmunzeln sah. Sie selber nippt bei Gelegenheit gern an einem Gläslein GUMBA-SCHNAPS.
Ich nehme einen Schluck Limonade und sehe Ninoa bei der Wischerei zu. Ninoa ist klein. Geradezu unheimlich klein. Laut Meinung der Wissenschaft ist sie das kleinste bekannte, regulär reflexions- und artikulationsfähige Wesen im Universum.
Als die Forscher sie damals mit ihren LINEALEN und LASER-SCHUBLEHREN abmaßen, stellten sie eine Körperlänge von 25 Zentimetern fest. Die Konfrontation mit ihrer aufs Genaueste ermittelten Körpergröße stürzte Ninoa, eine bis dahin stets fröhliche junge Frau, in ein tiefes seelisches Loch. Sie hatte sich nie Gedanken über ihre äußeren Maße gemacht. Der plötzliche Schock war zu groß für sie.
Jahre vergingen, in denen Ninoa sich zurückzog, verstummte, sich nur noch über die traditionelle TANKRED-ZEICHENSPRACHE mit ihren besten Freunden verständigte, in denen sie oft wochenlang ziellos und einer Schlafwandlerin gleich durch die MINOISCHE STEPPE irrte. Doch sie rekonvaleszierte.
Später widerrief sie jeden weiteren Kontakt mit der Wissenschaft für alle Zeiten im Voraus. Sie lehnt es ab, zu ihrem eigenen Wohl, wie sie sagt, und um ihr Leben und ihre Lebensweise zu schützen, noch einmal mit der forschenden Zunft zu kommunizieren. In aller Regel wird ihre Haltung vor der Wissenschaft respektiert. Nur selten und vereinzelt trifft man heute noch als Nomaden verkleidete junge Forscher in der Gaststube an.
Damals, zur Zeit ihres Bekanntwerdens war Ninoa zwanzig Jahre alt, eine plötzliche Pressesensation, um die es bald wieder still wurde, weil sie das Spiel der Medien und der Prominenten nicht mitspielte. Niemand weiß, wie alt sie, als singuläres Wesen ohne spezifische Rassen- oder Gattungszugehörigkeit, werden wird. Heute zählt sie bereits 316 Jahre, womit ihr Alter, die Lebenserwartung von Tieren ihrer Größe auf menschliche Dimensionen hochgerechnet, bereits dasjenige alt-biblischer Größen übertrifft.
Ob der Bericht über ihre Geburt, den Ninoa der intergalaktischen Untersuchungskommission in jenen Tagen vorgelegt hatte, der Wahrheit entspricht, ist bis heute nicht geklärt. Vieles darin klingt nach Legende, und die Forschung hat Ninoas Angaben nie für vollständig gehalten. Irgendetwas Besonderes habe Ninoa damals verschwiegen, so sagen viele bis heute, irgendetwas besonders Wichtiges, möglicherweise von Bedeutung für das Verständnis des Universums an sich.
Immerhin, es ist schwer zu kontrollieren. Alle verlässlich intelligenten Wesen, die zur Zeit ihrer Geburt lebten, sind tot, und zu Lebzeiten wussten sie nichts anderes über das Thema als Ninoa selbst zu sagen.
Ich frage Ninoa höflich, ob ihre Story denn wirklich wahr sei. Sie schüttelt ihren Igelpelz und tappt rhythmisch mit ihrer rechten Hinterpfote auf die Spüle. Das Zeichen ist komplex und bedeutet etwa: "Sie ist wahr, und ich erzähl sie dir kein zehntes Mal, du Blödhammel!"
Dies gesagt, wendet sich Ninoa dem Wischen der Flaschenablage zu, die Bomber eben abgeräumt hat.
"Damit hab ich kein Problem, Ninoa." sage ich beschwichtigend. Derartige Repliken weisen auf einen neuen Wesenszug dieser sonst so zierlichen wie sympathischen Person hin. Ich ziehe es vor, für eine Weile den Mund zu halten und denke nach.

Ninoas Geschichte

An einem frühen Morgen vor etwa einundzwanzig (heute also 316, Anm. d. Verf.) Jahren, so gab Ninoa damals vor der versammelten intergalaktischen Untersuchungskommission zu Protokoll, fand der alte Sumpfwirt, nachdem er die Gaststube gerade abgeschlossen hatte, auf einer der Sitzbänke einen beschädigten PVC-Beutel.
Er öffnete den Beutel und holte nach und nach den folgenden Inhalt heraus: Ein zwei Monate altes Flugticket von Nightingale I nach TANKRED, ein paar vertrocknete NESSEL-BLÜTEN, schmutzige, verkrüppelte GUMBA-WURZELN, einige schöne Kiesel, mehrere Dreckbrocken, die mit großer Wahrscheinlichkeit von den Wurzeln stammten, eine kaputte Eierschale und Ninoa, so groß wie ein kleiner Finger, leise piepsend und muckend, mit noch verschlossenen Augen.
Der Wirt und seine Frau hielten Ninoa für irgendein kleines Säugetier, einen Igel vielleicht, und beschlossen, das winzige Ding großzuziehen. Schnell lernte Ninoa sprechen. Bald wurde ihre überdurchschnittliche Intelligenz offenbar, und nur wenige Jahre vergingen, da erledigte sie schon Verwaltungs- und Rechenaufgaben im Haus und ging, soweit ihre nach wie vor winzige Körpergröße es erlaubte, ihren Zieheltern in Haushalt und Wirtschaft zur Hand.

Was Ninoas Herkunft betrifft, so hat man auf diese Frage nie befriedigende Antwort gefunden. Weder der Wirt noch seine Frau konnten sich erinnern, ob in besagter Nacht jemand, und wenn ja, wer auf dieser Bank gesessen hatte.
Natürlich ist Ninoa kein richtiger Igel. Ihr Stoffwechsel entspricht eher dem reptilienartiger Lebensformen. Andererseits ist auch kein Reptil bekannt, das mit ihr verwandt sein könnte.
Nightingale I kann ihr Ursprung nur schwerlich sein. Der Planet ist kalt, besitzt seit Milliarden Jahren keine Atmosphäre, hatte vielleicht niemals eine. Auch das Flugticket gibt Rätsel auf. Es gab niemals Linienflüge auf Nightingale I. Nicht vor dreihundert, und nicht vor drei Milliarden Jahren. Ist das Ticket also eine Fälschung? Diese Fragen sind bis heute unbeantwortet.
Es wird Abend im GUMBA-LAND. Die Sonne liegt knapp über dem Horizont und taucht die Steppe in düsteres Rotlicht. Ich nehme meine Limonade und setze mich zu dem alten Nomaden an den Tisch.
"Wo hast du dein drittes Bein verloren?" frage ich ihn in seiner NOMADEN-SPRACHE.
"Ein TRIKE-FAHRER ist drübergebrettert!" antwortet der Alte wütend und knallt seine Faust auf den Tisch. Ich verstehe seine Wut. Die STEPPEN-TRIKES haben sich zu einem echten Problem für die Nomaden entwickelt. Man findet sie hier seit ungefähr fünfzig Jahren. Hochzivilisierte Stadtbewohner, viele von der Ostküste des Tankred, andere auch von fremden, unbekannten Planeten und Galaxien, strömen in die Wildnis heraus, um mit riesigen, mit Profilreifen bestückten PS-MASCHINEN ihre Aggressionen bei hoher Geschwindigkeit in den Boden der Minos-Steppe zu rammen. Dass wandernde Nomaden dabei leicht übersehen werden, wird, wenn man das Tempo dieser Maschinen von teilweise bis zu zweihundertachtzig Stundenkilometern bedenkt, verständlich.
Proteste von Vertretern der Nomaden in den ortsansässigen Parlamenten zeigten bisher keinerlei Wirkung. Nomaden haben keine Lobby in dieser von Städtern dominierten Welt.
Draußen wird plötzlich ein Knattern laut. Der alte Nomade zuckt zusammen. In den Fenstern zur Steppe hin tauchen im Abendrot drei riesige Silhouetten auf, die Silhouetten dreier zehn Meter hoher MINOS-RIESEN-TRIKES.
Momente später kommen die Ungetüme quietschend und schmatzend im Schlamm vor dem Wirtshaus zum Stehen. Laute Stimmen sind zu hören, schmutziges Lachen, jemand rutscht aus und landet grölend im Schlamm, noch lauteres Lachen, dann wieder Schritte, die näher kommen.
Die Tür fliegt auf, drei Triker stiefeln herein.
"He, Kumpels!" schreit einer, während die drei sich geräuschvoll an einen der Tische setzen.
Triker gehören der Kategorie Leute an, die ausschließlich Spaß haben will, es sind FUN-PEOPLE, Leute, die oft nicht einmal, selbst wenn sie von ihren Trikes herab etwas erkennen könnten, ein NESSEL-BLÜTE von einem NOMADEN-BEIN unterscheiden können.
Alle Drei tragen sie die Triker-Kluft, die in dieser Galaxie überall gleich ist. Krokomäntel, Sonnenbrillen, Bruce-Willis-Schweißhemden, Lederhosen, Cowboystiefel.
"He, Ninoa!" schreit der eine wieder. "Fünf Runden BIER für uns DREI. Aber dalli!"
Der Schreier ist offensichtlich der Kopf der Bande. Er trägt eine alte Lufthansa-Piloten-Schirmmütze, während die anderen sich mit den runden Stewardessen-Käppchen begnügen.
Ninoa verzichtet auf den persönlichen Service und schickt Bomber mit dem Tablett. Zu leicht werden Triker übergriffig und aggressiv, wenn sie Bier trinken. Als erfahrene Barfrau unterlässt Ninoa hier unnötige Provokationen.
Niemand beobachtet die Triker, während sie mit verzerrten Gesichtern das herbe Bier der STEPPEN-GERSTE hinunterkippen und auf übertriebene Art immer lauter und lustiger werden.
Nach einigen Minuten steht der Schmutzigste von ihnen, offenbar jener, der vor der Tür ausgerutscht war, auf und wankt besoffen zur Bar, wo er eine anzügliche Bemerkung in Richtung Ninoa losläßt.
Bomber reagiert blitzschnell. Er zieht ein Klapp-Buschmesser aus seiner riesigen Gürtelschlaufe, die anderen Triker springen hoch und ziehen LASER-MASCHINENPISTOLEN aus ihren Holstern. Die Situation droht in der nächsten Sekunde zu eskalieren, als plötzlich ein sehr durchtrainiert wirkendes, schnaubendes Stierwesen krachend durch ein Fenster hereinstürzt.
"Ich bin der Stier von Minos!" brüllt es und stürmt auf den Schmutzverkrusteten zu. Der Triker geht wankend in Karatestellung, das Stierwesen stolpert und trifft seinen Gegner ungeschickt mit dem linken Horn im Gesicht.
"Autsch! Der Affenarsch hat mich verletzt!" schreit der Schmutzige und hält sich das rechte Auge. Er geht zu Boden. Scheinwerfer springen an, die bisher ziemlich schummerige Szenerie erhellt sich. Jemand schreit nach einem Sanitäter, und von einer Seitentür laufen zwei Sanis herein, die den jammervoll Stöhnenden versorgen. Das Stierwesen greift sich an den Hals und nimmt seinen Kopf ab. Darunter erscheint das Haupt eines gutaussehenden, aber nicht sehr talentiert wirkenden Blondins.
"Verdammt, diesmal war ich echt gut!" schreit er.
Ein Regisseur kommt mit einer Handvoll Assistenten durch eine andere Seitentür herein und hebt beschwichtigend die Arme: "Klar, Ringo. Du warst super!"
"Echt." bestätigt einer der Assistenten.
"Das war oskarreif, Mann." meint ein zweiter.
Der Blonde ist beruhigt und setzt sich erschöpft zu den beiden wieder sitzenden Trikern, die ihm anerkennend auf die Schultern klopfen. Der Regisseur lobt Ninoa und Bomber für ihre guten Performances und wendet sich nun an mich:
"Herr von Kapwendel - Feinripp, ich muss mich entschuldigen! Sie haben sich in dieser für Sie unvorhersehbaren Situation absolut großartig verhalten. Ich fühle mich geehrt, einen so prominenten intergalaktischen Journalisten durch Zufall auf meinem Set begrüßen zu dürfen."
Wir tauschen einige Floskeln, dann dreht er sich wieder seiner Crew zu und erklärt den Drehtag für beendet. Ein TRANSPORT-GLEITER schwebt vor der Tür zu Boden, Regisseur, Crew und Darsteller strömen hinaus, der Gleiter entfernt sich in Richtung Tankred-Fluss.
Wir sind wieder allein. Ninoa, Bomber, der Alte und ich. Ninoa erklärt, warum sie dieses Filmprojekt duldet, warum sie, die die Öffentlichkeit ihr Leben lang scheute, sich heute selbst vor laufenden Kameras produziert:
Die Zeiten seien schwer, sagt sie. Die Minos-Nomaden würden eher weniger als mehr, und seit ihr Mann tot sei, und nur wenige Jahre später das Mc Donald's Restaurant ganz in der Nähe eröffnet habe…
Ninoa hält sich die Pfoten vors Gesicht und springt auf ihren Hinterbeinen hin und her. Das Zeichen ist mir völlig unbekannt. Ich kann es nur als Ausdruck der tiefsten Verzweiflung deuten.
Ninoas Eltern, die alten Wirtsleute, hatten zur Zeit von Ninoas erstem Auftauchen bereits ein Kind, einen Sohn namens Paul. Sie machten keinen Unterschied. Sie zogen Ninoa vorurteilslos und mit großer Hingabe heran, gerade so, als wäre sie Pauls leibliche Schwester. Die beiden Kinder verstanden sich gut, sie mochten sich, und aus geschwisterlichen Neckereien wurde eines Tags Liebe. Sie heirateten.
Paul war ein Koloss von einem Nomaden, den ich selbst noch erlebt habe, ein derber und wüster Kerl, dessen Herz aber das eines Singvogels war. Er war es, der nach dem Tod seiner Eltern das Wirtshaus zum Sumpf weiterführte. Mit harter Hand und viel Gefühl gelang es ihm, dabei so manches Plus in die Bilanzen der Gaststätte zu arbeiten. Er waren glückliche Zeiten für Ninoa.
Die Verhältnisse änderten sich schlagartig, als Paul verschwand. Es passierte an einem betriebsamen Nachmittag. Paul war nur mal kurz in die Steppe, frische Luft und ein paar MINOS-GRASHÜPFER schnappen gegangen, und kehrte nicht wieder.
Ninoa hatte immer einige trinkende Triker in Verdacht, die sich zu jener Zeit in der Steppe herumtrieben. Man konnte ihnen nie etwas nachweisen. Paul bleibt verschollen bis zum heutigen Tag.
Wer geglaubt hatte, ohne Paul würde das Wirtshaus nun seinem baldigen Ende zusteuern, der sah sich getäuscht. Ninoa arbeitete hart, leistete für ihre Körpergröße beinahe Unglaubliches, und hielt so das Wirtshaus zum Sumpf am Leben, stetig unterstützt von ihrem braven Bomber.
Das Geschäft sei immerhin leidlich gelaufen damals, sagt Ninoa heute. Ein weiterer Rückschlag sei die Eröffnung jenes Imbißstandes nicht weit entfernt gewesen. Es sei kein großer Laden, Personal würde hier draußen nicht lohnen, eine vollautomatische Produktionseinheit genüge vollkommen. Sie produziere billig und immergleich, vornehmlich Zeug aus schnell aufspaltbaren Kohlehydraten, das zu Darmkrebs und Übergewicht führte. Das sei genug für die Triker, auch für immer mehr Nomaden. So ist Ninoas Umsatz seit Jahren rückläufig. Trotzdem soll das Wirtshaus zum Sumpf nicht auch zum Schnellimbiss degenerieren, sagt Ninoa. Persönlicher Service und gute Küche seien immer das gewesen, was das Wirtshaus zum Sumpf ausgezeichnet habe. Später erklärt sie mir, sie lebe seit Jahren nur noch von den Reserven.
Ich sehe zum Fenster hinaus. Es ist Nacht geworden. Die Nacht der Steppe. Am klaren Himmel funkelt ein Sternenmeer. In der Ferne blinkt die Reklame des Schnellrestaurants. Einige Trikes parken davor, daneben steht angebunden eine Herde Kamele. Ninoa raucht eine ihrer winzigen selbstgedrehten Cigaretten. Sie raucht zwei Cigaretten täglich, keine mehr, seit ihrem fünften Lebensjahr.
Es wird spät. Der alte Nomade geht zu Bett. Er ist der einzige Logis-Gast seit einer Woche. "Gute Nacht, Pablo." piepst Ninoa müde. Sie schickt auch Bomber zu Bett. Bald wird sie schließen.
Wir setzen uns auf die Veranda an der Hinterseite des Hauses.
Die Trikes vor dem Imbiss werden von einem Gleiter Richtung TANKRED-FLUSS abgeholt. Der Gleiter verschwindet, dann herrscht Totenstille, gelegentlich unterbrochen vom fernen Schnauben eines Kamels.
Unter dem Himmel breitet die Steppe sich bis zum Horizont. Man spürt die Weite dieses Landstrichs.
"Warst du schon mal auf Urlaub?" frage ich Ninoa, die entspannt mit allen Vieren auf einer auf dem Tisch liegenden Serviette sitzt.
"Einmal, Hans-Jürgen." antwortet sie. "Auf Omega-Angström 8. Verwandte von Paul lebten dort. Es gefiel uns nicht besonders. Die vielen Leute machten Paul beinah paranoid. Mich übrigens auch. Der Planet ist völlig überbesiedelt. Was dazu kam, war, daß wir ständig über unser Wirtshaus nachdachten. Wir hatten einfach Angst darum. Am Rand der Steppe weißt du nie, was passiert. Nach zwei Tagen flogen wir wieder zurück."
Mir wird bewusst, wie sehr Ninoa im freien Lande, der Steppe und der Natur wurzelt. Im Vergleich zu anderen bewohnbaren Planeten muss OA 8 ja als geradezu "dünn" besiedelt gelten. Seine Bevölkerungsdichte entspricht im Höchsten derjenigen der unendlichen Luxus-Zwei-Familien-Planetoiden im Sternbild Jarmila Klaasen. Einem Landei ist selbst das schon zu viel.
Mir gehen die Fragen aus. Ninoa scheint entsetzlich traurig zu sein. Über die guten alten Zeiten wage ich nicht zu sprechen. So schweigen wir für einige Zeit.
Während wir sitzen, rast plötzlich ein Lichtschweif über den Horizont. Er nähert sich dem Gasthaus. Es ist ein Gleiter, so schnell wie der Blitz. Augenblicke später landet er bereits vor dem Haus. Wieder knallen Türen. Leute, Dinge springen in den Matsch. Ninoa eilt ins Haus zurück zur bereits verschlossenen Tür. Jemand trommelt dagegen.
"He, ist da wer!" schreit eine männliche Stimme.
Mit einem gehakten Stock entriegelt und öffnet Ninoa die Tür.
Ein dicker Humanoid tritt herein. Ninoa schaltet das Licht an. Der Typ ist wirklich auffällig beleibt. Er trägt einen teuren Freizeitanzug, Turnschuhe, einen Tirolerhut. Er glotzt Ninoa wie von Sinnen an. Eine fantastisch aussehende, perfekt gestylte Brünette folgt ihm hinterdrein. Sie sitzt auf einem spinnenartigen Gestell, auf dem sich zwei Kameras mit verschiedenen Objektiven auf Gelenk-Schwenkarmen suchend bewegen. Die Brünette bedient einige Hebel auf ihren Sitzlehnen, sie trägt ein Head-Set mit einem Mikrofon, in das sie spricht, außerdem eine Art Sonnenbrille, in der zwei Flüssigkristall-Bildschirme flimmern.
"Schau mal, das ist sie." sagt der Dicke zu dem Spinnengestell und deutet auf Ninoa.
"Okay!" sagt die Brünette. "Kamera 1, Zoom auf die Kleine. Nimm mehr Film. Ich will eine Super-Zeitlupe von der Sequenz. Kamera 2, nimm dir die Umgebung vor, die komischen Tierköpfe an den Wänden, das Mobiliar, die Spirituosen, und den Typen, der neben der Kleinen steht. Ich will Einzelaufnahmen von seinen schönen Augen, seinem dichten Haar, seinen tollen Muskeln, seinen Bartstoppeln."
Die Kameras beginnen schwenkend und zoomend mit ihrer Arbeit.
"Meine Herrschaften." sagt Ninoa seelenruhig. "Ich weise sie darauf hin, dass dieses Gasthaus bereits geschlossen hat. Wenn sie also keinen anderen Wunsch haben als ein paar Fotos zu schießen, dann muss ich sie bitten, meine Gaststube zu verlassen."
Der Dicke blickt zu seiner Freundin, die ihm in einer Art zunickt, die bedeuten mag: "Keine Angst" und "Alles unter Kontrolle."
"Hast du Gumba-Schnaps?" fragt der Typ und zückt ein Bündel Hundert- Dollar-Scheine.
"Haust du dann ab?" fragt Ninoa.
"Klaro." sagt der Typ.
Ninoa geht zur Bar, steigt die Leiter zur Theke hinauf, gefolgt von den Kameras und dem Spinnengestell. Die Brünette kommentiert das Geschehen in ihr Head-Set-Mikrophon hinein:
"Das Igelwesen bewegt sich jetzt mit seinen kleinen Schritten auf eine Art Hühnerleiter zu. Kommt sie da überhaupt hinauf, sind die Sprossen für diesen Winzling nicht zu hoch? Nein sie schafft es. Schritt für Schritt, mit sicheren Bewegungen, stemmt das Igelwesen sich Sprosse für Sprosse die Leiter hinauf. He, Kleine, wie oft machst du das so am Tag?"
Ninoa ignoriert die Frau, steigt auf die Anrichte, hebt eine Flasche KESENHEIMER-GUMBA-BRAND aus dem Regal und schenkt dem Dicken ein Schnapsglas bis zum Rande voll. Der Dicke sitzt bereits auf einem der Barhocker und blickt nervös in Richtung der Brünetten, die ganz offensichtlich seine Geliebte ist. Das Gestell krakelt wieder um die Theke herum und nimmt nun den Mann in die Visiere. Die Brünette sagt nichts mehr, gibt keine Kamerabefehle. Ninoa reicht dem Dicken das Glas. Eine Kamera liegt im Zoom auf seinem Gesicht, die andere filmt ihn in der Totalen. Er schwitzt, seine Augen zittern nervös hin und her. Er hebt das Glas hoch, öffnet seinen Mund und schüttet den Inhalt in einem Schluck hinunter. Es versucht zu lächeln, reißt triumphierend einem Arm mit der geballten Faust in die Höhe, seine Gesichtszüge spiegeln unerträgliches Grauen wider.
Nach einigen Sekunden schnappt er die Geldscheine, wirft sie Ninoa hin und verabschiedet sich mit irgendeinem unverständlichen Gruß. Er läuft wie der Blitz hinaus. Das Gestell mit der Brünetten folgt ihm, während eine Kamera noch schnell einige Meter von Ninoa und mir auf Celluloid bannt. Sie sind draußen. Ninoa geht zur Tür zurück und schließt sie mit ihrem Hakenstock ab.
"Er wird sich die Seele aus dem Leib kotzen." sagt sie lakonisch. "Vielleicht auch mehr."
Ninoa löscht das Licht. Das Geld wird sie zusammen mit der Filmgage für ein halbes Jahr über Wasser halten. Draußen hört man den Typen in den Sumpf reiern und seine Freundin Kommandos geben. Wir kümmern uns nicht darum. Ninoa sagt, sie sei müde, sie müsse jetzt wirklich ins Bett. Ich ziehe mein vollautomatisches Super-Recherche-WAP-Funk-ISDN-Funktions-3D-5D-Mobiltelephon heraus und bestelle einen Taxigleiter. Wir verabschieden uns. Ich gehe hinaus. Ninoa schließt die Tür ab. Das Licht in ihrer Schlafkammer geht an.
Das Licht in ihrer Schlafkammer geht wieder aus. Der Gleiter mit den beiden Touristen erhebt sich taumelnd in die Luft, mein Taxi-Gleiter schießt über den Sumpf heran und landet mit leisem Zischen. Ich steige die Holztreppe hinab und wandle gedankenversunken dem Taxi entgegen.



Sonntag, 3. Oktober 2010

Armageddon



Armageddon

Es herrscht Krisenstimmung in den USA und weltweit. Ein gigantischer Planetoid schießt geradewegs auf die Erde zu, und die Menschheit hat berechtigten Anlass zu der Befürchtung, dass eine Kollision der beiden den Planeten zur Gänze vernichten könnte.
Fieberhaft sinnen die Regierungen der Erde auf Auswege. Ad hoc und zur Sicherheit beginnt man schon mal mit dem Bau von vier Raumschiffen auf dem absolut neuesten Stand der Technik.
  Einen Tag nach Bekanntwerden der Bedrohung präsentiert die NASA in den USA einen Plan. Sie will den Planetoiden mit den schärfsten Nuklearwaffen aller Zeiten in die Luft sprengen, die Waffen dazu habe man schon. Problematisch sei nur, dass man die Bomben dabei fix im Inneren des Planetoiden deponieren müsse, ansonsten habe der ganze Plan keinen Zweck. Zudem habe die NASA nicht gerade viel Erfahrung im Bohren. Tackern, Fräsen, Kleben, das alles beherrscht sie schon von der Raumstation ISS her, aber Bohren, das war schon immer das Schwierigste, erst recht natürlich jetzt, wenn es um Heil und Auskommen der gesamten Menschheit geht und man nur einen Versuch frei hat.
Don M, ein Mann mit kläffender Stimme, Vollbart und einer Vorliebe für alte, ausgewaschene Karohemden, ist ein besonders sympathisches und unkonventionelles Mitglied der NASA-Führungsriege. Kurz nach Vorstellung des NASA-Plans, während einer geheimen Sitzung, hat Don M plötzlich eine Idee, wie man das Bohrproblem angehen könnte.
"Amerika hat doch die besten Bohrleute auf der Welt!" erinnert er die Umsitzenden. "Warum holen wir uns nicht einfach unsere amerikanischen Ölbohrer. Die bohren sonst doch auch unter allen möglichen Bedingungen!"
Der Präsident, der Geheimdienstchef und der Rest der  NASA-Führungsriege, allesamt Pragmatiker vom Scheitel bis zur Sohle, sind sich im Klaren darüber, dass etwas getan werden muss, und zwar gleich. Außerdem spüren sie, dass Don M's Vorschlag im Moment die erfolgversprechendste Lösung darstellt. So brauchen sie nur einige bedeutende Blickkontakte, um sich von ihrer gegenseitigen Zustimmung zu überzeugen. Sofort leiten sie über ihre tragbaren Telefone alles Notwendige in die Wege.
Am nächsten Morgen, Floridazeit, machen sich Hubschraubereinsatzcrews unter Führung von Don M zum Golf von Mexico auf, wo sich die besten amerikanischen Bohrteams gerade geschäftig tummeln.
Don M hat alles in allem vier Teams im Auge, und zwar die von Bob, Joe, Moe und Bruce, vier ungeschlachten Typen, die kein Blatt vor den Mund nehmen, denen beim Bohren aber auch keiner was vormacht.
Zu Anfang leisten die vier Chefs noch Widerstand. Sie hätten Aufträge zu erledigen, wüssten auch nicht, wer Don M sein solle, und von einem Planetoiden hätten sie noch nie was gehört. Außerdem hätten sie gerade jede Menge Arbeit. Wenn Don M mit seinen Gel-gescheitelten Kaugummikauern also nicht von der Plattform fliegen wolle, dann solle er jetzt besser die Flossen in die Hand nehmen und abflundern.
Don M, der sich seiner Sache ziemlich sicher zu sein scheint, rührt sich nicht von der Stelle. Mit einem Lächeln, das seines kompakten Vollbartes wegen nur an seinen Augenwinkeln zu erkennen ist, zieht er stattdessen seinen Ausweis heraus und meint:
"Wie wär's dann damit?"
Als die Bohrmeister das Großgedruckte auf Don M's Ausweis, den dazugehörigen Blankoscheck des Präsidenten und die gezückten Waffen der NASA-Sicherheitsleute sehen, schwenken sie sofort um und sind ohne weitere Umschweife dabei.
Man bringt die vier Chefbohrer mit ihren Teams in das zentrale NASA-Ausbildungslager, wo sie erst mal eine zweiwöchige Grundausbildung absolvieren, und wo es, wie man sich denken kann, zu einer Reihe fast humoristischer Konfrontationen zwischen den auf Ordnung, Benimm und Verantwortung gedrillten NASA-Offizieren und den stinkenden, schmutzigen, bärbeißig-bierbäuchigen, über alles und jeden prinzipiell loskalauernden und -grölenden, in ihrer Arbeit immerhin aber ebenso verantwortungsvollen Ölbohrmeistern kommt.
Don M aber hat immer sein wachsames Auge auf seine Leute gerichtet. Er schlichtet mit weisen Worten, wenn Streit aufkommt, und greift mit flinker Faust ein, wenn man sich die Köpfe einzuschlagen droht.
Am Ende der zwei Wochen hat man sich zusammengerauft, und die NASA-Mechaniker erklären die Spaceships für startbereit.
Im Eiltempo befördern Düsenjets alle Beteiligten zum Raumbahnhof in Süd-Florida.
"Peace!" erwidern die Astronauten, teilweise voll innerem Widerstehen mit den Zähnen knirschend, teilweise auch äußerst unbeholfen, zum Abschied noch Don M's Hippie-Gruß von der Startplattform. Dann starten die vier Raumschiffe, jeweils mit einem NASA- und einem Ölbohrteam beladen, ins All.
Die erste Zeit über verläuft die Reise zu dem Planetoiden, welcher der Erde mit Getöse und schnellen Einblendungen immer näher rückt, ohne Zwischenfälle. Dann, etwa auf halbem Weg, als man sich gerade einem gefährlichen Asteroidenfeld nähert, kommt es auf dem vierten Schiff zum ersten handfesten Streit. 
"Ich bin also ein Wichser, was?" brüllt Bruce, der Boss des örtlichen Bohrteams, bereits explodierend vor Wut, auf Jonathan, seinen Astropiloten ein.
"Was? Nein - ehrlich, Bruce!" antwortet Jonathan, verzweifelt um einen freundschaftlichen Ton bemüht. "Ich möchte nur, dass alle sich anschnallen, solange wir das Asteroidenfeld durchqueren. Das ist wahnsinnig gefährlich, bitte, es kommt dabei zu unglaublichen Fliehkräften!"
Bruce kommt Jonathan noch ein Stück näher und zischt mit grausiger Stimme.
"Ich bin also ein Scheißwichser, was?"
"Nein, bitte, Bruce," fleht Jonathan, "schnallt euch an. Es ist verdammt gefährlich, wenn ihr während der Ausweichmanöver frei im Raumschiff rumlauft!"
Auch die besorgte Bodenkontrolle schaltet sich nun über Funk aus Houston ein und fragt, was denn da oben los sei. Doch Bruce hört oder versteht nicht, auf jeden Fall reagiert er nicht und schlägt Jonathan gerade die Zähne ein, als ein mittelgroßer Asteroid ihr Raumschiff geradezu pulverisiert.
Moe und seine Leute bekommen das alles in ihrem Raumschiff natürlich live mit, und da Bruce Moes bester Freund war, gibt es für Moe jetzt kein Halten mehr. Wild fängt er an, auf Sir Wilfried, seinen Piloten, einzutreten, und rasch ereilt das Raumschiff der beiden dasselbe Schicksal wie jenes von Jonathan und Bruce.
Für kurze Zeit droht die Situation nun endgültig aus den Fugen zu geraten, und nur unter Aufbietung all ihrer Überredungs- und Besänftigungskünste gelingt es Armand und Willy, den beiden anderen Astro-Piloten, Bob und Joe mit ihren Bohrteams, die alle miteinander kurz vor dem Ausrasten sind, in ihren Sitzen zu halten.
Schließlich aber haben die zwei verbliebenen Raumschiffe den Asteroidengürtel glücklich durchquert, und Armand und Willy rechnen den Kurs zur Sicherheit nochmal nach. Als sie das Ergebnis genauer betrachten, stockt ihnen der Atem. Es zeigt eindeutig, dass ihre Spaceships auf ihrem derzeitigen Kurs weit an dem Planetoiden vorbeizielen. Besorgt, doch ohne ihre Besatzungen etwas merken zu lassen, funken sie zur Bodenkontrolle, damit diese alle Daten noch einmal durchrechne.
Fieberhaft macht man sich im NASA-Hauptquartier an die Arbeit. Am Ende kann man dort die Ergebnisse aus dem All nur bestätigen. Die Raumschiffe zielen tatsächlich an dem Planetoiden vorbei, so weit, dass kaum noch Aussicht besteht, das Gestirn zur rechten Zeit zu erreichen. Sofort funkt man an die beiden Astropiloten zurück.
In Windeseile führen Armand und Willy die von der NASA empfohlenen Kurskorrekturen durch. Danach berufen sie eine Videokonferenz ein, und Armand erklärt in ernsten und gemessenen Worten als legitimierter Expeditionsleiter den Besatzungen die Situation, während Willy ihn mit gelegentlichen Einwürfen dabei unterstützt.
Im Anschluss an die Ausführungen der beiden herrscht betroffenes Schweigen.
"Da habt ihr uns ja eine schöne Scheiße eingebrockt." meint Joe schließlich als Erster, und Bob, der als Videohologramm anwesend ist, stimmt seinem Freund vom anderen Raumschiff her zu.
Doch sind diese Äußerungen nicht bösartig gemeint, und niemand will jetzt noch Streit anfangen. Der Wunsch, die geliebte Heimat zu retten, vereint die Anwesenden in der Zwischenzeit ohne Ausnahme.
Die nächste Stunde verstreicht mit den verzweifelten Versuchen der beiden Schiffe, sich dem Planetoiden auf einer schrägen Bahn mit möglichst hoher Geschwindigkeit anzunähern. In ihrer Ratlosigkeit entschließen sich die Besatzungen sogar, alle nicht absolut lebensnotwendige Ladung, inklusive ihrer beiden Not-Tanks mit Sauerstoff, abzusprengen, um dadurch weiteren Schwung zu gewinnen, doch es hilft alles nichts.
"Es ist zu spät." erklärt Armand verbittert seinen Kollegen. "In sechsundzwanzig Stunden überschreitet der Planetoid den Point of complete destruction. Ab diesem Zeitpunkt bedeutet sein Zusammenprall mit der Erde, selbst wenn wir ihn vorher noch sprengen könnten, so gut wie sicher das Ende der Menschheit."
"Das kann doch nicht alles sein!" schreit Bob, der mit seinen Leuten jetzt andauernd per Videokonferenz zugeschaltet ist. Der Gedanke an die Hoffnungslosigkeit der Situation treibt ihm Tränen in die Augen. "Die Erde darf nicht verrecken!" fügt er schluchzend hinzu.
Auch Joe steht emotional unter Strom. Wütend und nachdenkend presst er vor Anstrengung die Kiefer zusammen.
Schließlich schlägt er mit der Faust auf den Tisch und verkündet: "Scheiße, wir müssen einfach systematisch vorgehen!"
Doch Armand schüttelt mutlos den Kopf. "Es hilft alles nichts, Joe. Wir haben keine Chance mehr." sagt er, und Willy stimmt ihm mit einem mehrmaligen, bedrückt-betroffenen Kopfnicken zu.
"Es muss aber eine Scheiß-Lösung geben!" insistiert Joe. "Reißt euch doch mal zusammen, Scheiße nochmal! Es gibt immer eine Lösung!"
Armand und Willy sehen sich nur kurz an. Unverkennbar haben die beiden ihren Glauben auf Rettung verloren.
Bob ballt beschwörend die Fäuste. "Gott hat die Menschen auserwählt, also lässt er uns auch nicht hängen!" ruft er.
Joe wendet sich erneut an die Piloten. "Die Situation ist doch die: Wir haben Bomben, die das Monstrum sprengen können, und das Monstrum muss so schnell wie möglich gesprengt werden. Das ist doch richtig so, ja?"
Armand und Willy nicken.
"Die Frage ist also, wie wir die Bomben möglichst schnell zu dem Planetoiden hinbringen, und die Raumschiffe sind für diesen Zweck nicht geeignet, weil sie zu langsam sind."
"Auch das stimmt, Joe." bestätigt Armand.
"Warum nehmen wir also nicht zwei oder von mir aus auch drei von den Raumschifftriebwerken, packen unsere Bomben drauf und jagen sie dem Monster hinterher. Bloß damit wir irgendwas tun!"
Armand überlegt kurz und antwortet dann besonnen: "Die Wahrscheinlichkeit, dass die Raketen, wenn sie denn zu bauen sind, dem Planetoiden nahekommen, geschweige denn ihn treffen und auch noch vernichten, ist gleich null, aber ich sehe, was du meinst, Joe. Wir müssen einfach tun, was menschenmöglich ist, auch wenn wir damit vielleicht unseren eigenen Tod im Voraus besiegeln."
"Genau." erwidert Joe und nickt noch einmal entschlossen.
Die Funkverbindung zur Bodenkontrolle ist inzwischen längst abgebrochen. So beschließen die verbliebenen Anwesenden im Alleingang ihr weiteres Vorgehen. Beide Besatzungen sind einverstanden.
Außenaufnahmen zeigen, wie die beiden Raumschiffe sich langsam näherkommen und dann zusammenschließen. Unter zeitlichem Hochdruck und mit beinahe übermenschlicher Energie machen alle Verbliebenen sich daran, drei ihrer vier Raumschifftriebwerke auseinander zu nehmen, miteinander zu verbinden und daran ihre gesamte Sprengladung zu koppeln.
Nach erstaunlich kurzer Zeit meldet man die Rakete einsatzbereit, und schießt den Flugkörper ohne weitere Verzögerung ab.
Ruhig blicken die Besatzungen in Richtung des entschwindenden Projektils. Sie wissen nicht, ob sie den Rückweg zur Erde überleben werden. Bei ihrem jetzigen, verringerten Tempo und mit nur mehr einem übrigen Triebwerk ist es mehr als wahrscheinlich, dass sie, da vorhin auch ihre Wasser-Notration abgesprengt haben, verdurstet sein werden, noch bevor sie die Erde erreicht haben.

Ohne von einigen, von der Menschheit noch schnell abgeschossenen Raketen groß behelligt zu werden, schlägt der Planetoid auf der Erde ein, wirft sie aus der Umlaufbahn und verwüstet sie völlig.
Eine hundertjährige Nacht senkt sich über den nun allein noch von Mikroorganismen bewohnten blauen Planeten. Er pendelt sich, zumindest vorläufig, auf einer seiner früheren ähnlichen Bahn um die Sonne ein, ohne seinen früheren Mond, dafür aber von zwei neuen Trabanten umkreist, zwei der vier modernsten Raumschiffe, die jemals gebaut wurden, an Bord die schwerelosen, gefrorenen Leichen ihrer an Exsikkose verstorbenen Besatzungsmitglieder.


Samstag, 2. Oktober 2010

Allein gegen die Roboter



Allein gegen die Roboter


Die Szen' ist Pisa, eine Stadt in Mittelitalien, und Bud Spencer, der letzte Mensch auf Erden, presst sich gerade prustend und schnaufend gegen die Rückseite einer Leitplanke, auf deren anderer Seite in diesem Moment wieder einer Aufmärsche der idiotischen Roboterarmee stattfindet. Bud hat sich zur Tarnung einen riesigen Duschvorhang, der wohl einem Robotercape ähneln soll, um den Hals gebunden, auf seinem Kopf sitzt ein winziger Roboterhelm, den er mit Hilfe eines Halteriemens fest um sein dickes Kinn gezurrt hat.
Bud holt noch einmal tief Luft und dreht sich um. Langsam und gleichmäßig, so als säße sie auf einer Hebebühne, schiebt sich seine obere Gesichtshälfte hinter der Leitplanke nach oben. Aufmerksam verfolgen Buds Augen, wie und in welchem Tempo die schrulligen Blechheinis an ihm vorüberstolpern. Dann plötzlich scheint der richtige Moment gekommen, und er schnellt hoch.
"Uuuaah!" stöhnt er vor Anstrengung, rollt seinen massigen Körper mit erstaunlicher Wendigkeit über die Leitplanke und hechtet direkt in den Aufmarsch hinein.
>>Watsch!<<: Schon hat er dem ersten Roboter eins auf die Nuß gegeben.
>>Schepper!<<: Gerade als ihnen klar wird, dass Bud wie eine Dampfwalze auf sie zugerollt kommt, kriegen die beiden nächsten die Köpfe zusammengedonnert,.
Schnell haut Bud dem letzten Roboter in seiner Reihe noch die Rübe runter und verschwindet polternd im Straßengraben.
Inzwischen sind die vier Roboter in der nächsten Reihe auf den Eindringling aufmerksam geworden und haben angefangen, umständlich an ihren Kalaschnikows herumzufummeln.
Weil die Reihe hinter ihnen aber schon zu drängeln anfängt, wissen die vier Roboter jetzt überhaupt nicht mehr, was sie tun sollen. Von den nachrückenden Robotern geschubst und angeschoben, steigen und stolpern sie über ihre stöhnend am Boden liegenden Kameraden hinweg und marschieren schließlich, noch immer ziemlich konfus, wieder weiter. Nach einigen Metern dann sind sie schon wieder mit solchem Einsatz bei der Sache, dass sie völlig vergessen haben, warum sie vorhin eigentlich stehengeblieben sind.
Etwas unterhalb des Roboteraufmarschs keucht und schnaubt Bud währenddessen so leise er kann, und lehnt sich an die mit dürrem Gras bewachsene Straßenböschung. Erschöpft schließt er die Augen. Dann reißt er sie wieder auf und dreht sich panisch nach allen Seiten hin um. Doch es ist niemand zu sehen.
Er atmet durch und zieht behutsam ein zerknittertes Foto aus seiner Hosentasche. Das Bild zeigt die schöne Lorenza. Wieder und wieder starrt Bud wehmütig auf das Bild ein, bis er es schließlich mit tränenfeuchten Augen wieder zurücksteckt.
Kurz darauf sieht man Bud schon wieder, offenbar von Todesangst angetrieben, mit fliegenden Beinen und pfeifendem Atem über einen kurzen Brachflecken sprinten. Als wollte er sich damit beruhigen, keucht und brummt er dabei einige von Rosenstock-Bonos unsinnigen Abzählreimen vor sich hin:

"Sie ist eine Lady wie keine./
Bei uns hütet sie Schweine."

"Des Lebens Schwere verkannt./
An den nächsten Baum gerannt."

Da tritt ihm plötzlich ein Wachroboter in den Weg.
"UiUiUiUi!" macht Bud und legt eine Vollbremsung hin. Er kommt gerade noch vor den ausgestreckten Messern und Bajonetten des Roboters zum Stehen.
"Achtung, Personenkontrolle! Parole?" quäkt der Automat mit aufgerissenem Kiefer.
"Ich zieh dir gleich die Lauscher lang!" brummelt Bud in seinen Bart hinein.
"Parole inkorrekt!" gibt der Roboter zurück. "Bitte wiederholen sie!"
"Dann hau ich Dir eben die Rübe runter!" schlägt Bud jetzt vor.
"Parole inkorrekt!" versucht es der Roboter noch einmal, und schickt sich an, noch ein drittes Mal und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit so zu fragen, doch Bud hat inzwischen die Geduld verloren, und zieht ihm derart eine über die Löffel, dass der Roboter abhebt, einen seitlichen Salto schlägt und scheppernd im Dreck landet.
Bud gibt sich nicht länger als notwendig mit dem Roboter ab. Sofort beschleunigt er wieder, bis er am Ende des Brachfleckens eine düstere, zwischen zwei mehrstöckigen Wohnblocks liegende Gasse erreicht. Es herrscht das nackte Chaos darin. Ausgebrannte Autos und Mopeds stehen herum, halbverweste Leichen hängen links und rechts aus den Fensterstöcken, der Boden ist mit Müll und Papierfetzen übersät.
Vorsichtig und indem er sich immer wieder nach allen Seiten hin umschaut, begibt sich Bud ins Dunkel der Gasse hinein. Leise hört man, wie er wieder, mit nun vor Angst und Erschöpfung zitternder Stimme, einige Abzählreime des dem Schwachsinn erlegenen Dichters zitiert:

"Wie und wo treffen wir wieder zusamm?/
Mit Sprengstoff, vor unseres Freundes Tram!"

"Null Chance/
gegen meinen Ehrgeiz hatte Abel Gance."

"Im Zweifelsfall/
zum Schaden von Hugo Ball."

"Da sie uns nicht erhört,/
wurde ihr Glück erfolgreich zerstört."

Er durchquert gerade die düsterste Stelle der Gasse, als er hinter einem Müllcontainer plötzlich eine Bewegung ausmacht.
Mit gemessenen Schritten tritt eine Handvoll Gestalten aus dem Zwielicht des Containers heraus. Es ist die Robotergang, mit der Bud heute schon ein paar Mal zu tun gehabt hat.
"Die schon wieder!" brummt er und walkt sich vor Ärger das Gesicht.
"Wen haben wir denn da? Den dicken Bud!" raunt der augenklappentragende Anführer der Gang mit spöttischem Lächeln, und seine drei Kumpels hinter ihm, ein italienischer, ein asiatischer und ein dicker Roboter mit Fahrradkette grinsen siegesgewiss und ein wenig schwachsinnig mit.
Bud erwidert die Blicke seiner Gegner ungerührt. Langsam ziehen sich seine Augenlider zu gefährlichen Schlitzen zusammen. Quietschend verkleinern auch die Roboter ihre Sichtöffnungen. Dann setzt Actionmusik ein, Bud spuckt sich noch schnell unternehmungslustig in die Hände, und schon rennt der Anführer mit seiner Eisenstange auf ihn zu. Mit perfektem Timing geht Bud einen Schritt zur Seite und gibt dem Augenklappentypen, der überrascht sein freies Auge aufreißt und nicht mehr rechtzeitig bremsen kann, noch eine auf den Hinterkopf hinterher.
Als Bud sich wieder umdreht, erwartet ihn schon der spindeldürre, zigarettenqualmende italienische Roboter. Wild gestikulierend fängt der Blechheini an, ihm Angst zu machen.
"Na komm schon, dicker Bud! Ich mach dich fertig! Ich mach dich platt wie ne Pizza!"
Der Italiener ist noch mitten im Gestikulieren und Sprücheklopfen begriffen, da kriegt er von Bud schon einen Dampfhammer auf den Schädel und klappt zusammen wie ein vom Magneten gelassener Schrotthaufen.
Jetzt surrt von rechts der asiatische Roboter heran.
"HAAIIIH!" macht der mit weit aufgerissenem Kiefer und fuchtelt mit seinen Klauen hin und her in der Luft herum. Nach ungefähr zwanzig Sekunden merkt er, dass Bud gar nicht mehr vor ihm steht, und erstarrt. Vorsichtig und mit blödem Gesichtsausdruck rollt er seine Augen nach links und nach rechts.
Bud hat sich inzwischen den Dicken mit der Fahrradkette vorgeknöpft, hält dessen Arm mühelos in der Schlagbewegung auf, entreißt ihm die Fahrradkette, schlingt sie um den Hals des Dicken, wirbelt ihn an der Kette wie ein Hammerwerfer im Kreis herum und mäht damit die anderen Drei, die gerade wieder heranstürmen, endgültig nieder.
Mit einem lauten >>KRÄSCH!!<< landet der Fahrradkettenroboter an der Hauswand und fällt in ein paar verschieden große durch die Gegend fliegende Teilstücke auseinander. Die drei anderen Roboter wälzen sich stöhnend am Boden.
Bud wischt sich die Hände an seinem dreckigen T-Shirt ab.
"Bah! Wird Zeit, dass die Müllabfuhr mal wieder zu streiken aufhört. Überall liegt hier der Abfall rum." meint er abschätzig und schiebt die Überreste der Roboter mit den Füßen aus dem Weg.
Als er das Ende der Gasse erreicht, klettert Bud hinter eine Mülltonne und klaubt Lorenzas Foto von Neuem aus seiner Hosentasche. Zärtlich betrachtet er es im Zwielicht von allen Seiten. Mit einem Stoßseufzer fasst er sich an den Schritt und fängt in süßer Erinnerung an, Michael Jacksons Moonwalk zu imitieren. Dann glaubt er plötzlich etwas gehört zu haben, duckt sich erschrocken, steckt das Foto wieder ein und rennt weiter.
Auch den Rest des Tages benötigt Bud noch für die Durchquerung der Stadt. Immer wieder zwingen ihn während dieser Zeit die unerwartet an allen möglichen Plätzen mit ihren Aufmärschen auftauchenden Robotertruppen, sich in Mülltonnen, in Straßengräben und hinter dahinwesenden Leichenbergen zu verstecken. Dazwischen begegnet er noch einige Male seinen speziellen Freunden von der Robotergang.
Irgendwann entdeckt er in einer verlassenen Trattoria auf einem Tisch noch eine unangetastete Portion verstaubter Spaghetti. Wie ein Tier stürzt Bud, der früher an guten Tagen schon mal fünfzehn Portionen Spaghetti am Tag verdrücken konnte, sich auf die Pasta und stopft sie gierig in sich hinein.
Endlich, bei Sonnenuntergang, hat er Lorenzas frühere Wohnstatt, ein niedliches Häuschen in der Vorstadt erreicht. Vor Erschöpfung kaum mehr zu sprechen fähig, blitzen ihm jetzt die albernen Verse Rosenstock-Bonos wie ein Leuchtfeuer durch den Kopf:

"Er fragte: Magst du mich noch?/
Ihre Gedanken waren nur noch ein Schwarzes Loch."


"Keiner liebt mich./
flüsterte er auf dem Zebrastrich./
Ein anderer schrie von fern,/
niemand habe ihn gern."

"Welch unendlicher Akt mit dem Früher zu brechen!
(Hinter sich hört er noch seine Oma sprechen.)"

"Auch Ursels Schweinekoben/
versperrte den Oligarchen/
den Ausblick von oben."

"Merkwürdig still geworden/
waren die Menschenhorden..."

Bud betätigt gerade die Türklingel des Häuschens, als er hinter sich das Zuschlagen einer Autotür hört. Er dreht sich um. In der gekiesten Auffahrt steht allein der Roboter mit der Augenklappe. Er bewegt sich einige Schritte auf Bud zu. Der Kopf hängt dem Automaten halb über die Schultern, als Ersatz für sein linkes Bein hat er sich ein zu kurzes Tischbein an den Rest seines Oberschenkels gebunden, der linke Arm, den er vorhin bei der Schlägerei hat lassen müssen, fehlt ihm völlig. Mit seinem übrigen rechten Arm hält er die Fahrradkette hoch und versucht Bud damit Angst zu machen. Dann aber geht ihm endgültig der Saft aus und er fliegt scheppernd ein letztes Mal in den Kies.
Bud schüttelt einsichtig den Kopf, so als hätte er schon immer gewusst, dass es einmal ein schlechtes Ende mit dem Typ nehmen würde. Er wendet sich wieder ab davon und drückt gegen die offenstehende und halb aus den Angeln gerissene Haustür.
Vorsichtig betritt er das Erdgeschoß, das den Eindruck erweckt, als wären wenigstens ein paar Handgranaten darin explodiert. Möbel und Unrat liegen wild durcheinander. Von Lorenza aber findet er keine Spur.
Er steigt die Treppe in den ersten Stock hoch. Auf den ersten Blick herrscht hier oben dasselbe Chaos wie im Erdgeschoß.
Dann entdeckt er, in einer Ecke sitzend, und an verschiedene Kabel und Versorgungsleitungen angeschlossen, einen leicht vermodert riechenden menschlichen Körper. An der wuchtigen Korallenkette, die um den Hals des Körpers hängt, erkennt er Lorenza. Die Kette trägt einen überdimensionalen Anhänger, auf dem in großen Strassbuchstaben steht: "LORENZA UND BUD".
Bud nähert sich dem Körper mit zögernden Schritten. Deutlich sichtbar zieht sich durch Lorenzas Stirn ein glatter, waagrechter Schnitt. Behutsam nimmt er ihr die Schädeldecke ab. In dem Schädelinneren kommen piepsend einige Roboterbabies zum Vorschein. Offenbar ernähren die Säuglinge sich von Lorenzas Gehirn. Als Bud die Babies erblickt, scheint in seinem Kopf ein Schalter sich umzulegen, und er verliert jegliche Selbstkontrolle. Wimmernd und stöhnend vor Ekel und Bestürzung rupft er sie aus Lorenzas Kopf heraus, schleudert sie auf den Boden und fängt an, auf ihnen herumzutrampeln.
Da zerfetzt ein gewaltiges Donnern die Luft. Links von Bud stürzt eine Wand ein, und in dem Raum dahinter, Lorenzas ehemaligem Schlafzimmer, stürmt surrend die Robotermama heran. Anscheinend hat sie die für Buds Ohren nicht wahrnehmbaren Schreie ihrer Kinder gehört und will ihnen zu Hilfe kommen. Wild entschlossen kickt sie die Mauertrümmer wie lumpiges Styropor zur Seite. Buds Versuch, dem Monstrum, das vier Köpfe größer ist als er, schnell eins über die Rübe zu geben, scheitert kläglich. Er kommt nicht mal richtig dazu auszuholen, da hat ihm die Robotermama mit ihren beiden vierzehnfingrigen Händen das Genick bereits in zwei Hälften zerteilt.
Sorgsam legt sie Buds massigen Körper, der für sie eine luxuriöse Brutstätte darstellt, neben den von Lorenza und kontrolliert, ob es den Babies in Lorenzas Bauchhöhle noch gut geht. Dann injiziert sie neue Keimzellen in die Gehirne der beiden Körper und die zu ihrem Entzücken ausgesprochen geräumige Bauchhöhle Buds.