Dienstag, 10. August 2010

Venus und Vulkan




Venus und Vulkan








Personen

Vulkan                       Feuergott, Gott des Schmiedehandwerks

Mars                           Kriegsgott, Gott der Gewalttätigkeit, des
Männlichkeitsrituals

Venus-Aphrodite      Göttin für Liebe und Schönheit

Ionkleus                     ein Zyklop











Die Szen' ist auf Volcano, einer Insel im Liparischen








Der Palast des Vulkan,
Venus' und Vulkans Schlafzimmer


Ein Doppelbett mit Baldachin. Vom Baldachin hängen Vorhänge, transparent möglichst. Sie verdecken das Bett.
Fern und leise zu hören, das Lärmen einer Schmiedewerkstatt, also Klingen von Metall, das Pumpen von Blasebälgen, usw. .

Auftritt IONKLEUS

IONKLEUS trägt auf den Armen unsichtbare Vorhänge. An seinem Gürtel hängt ein Walkie Talkie.

IONKLEUS    (verbeugt sich hastig) Sie haben wirklich Glück, dass sie da sind. Unglaubliches wird sich hier gleich abspielen, und viel müssen sie nicht wissen dazu, nur das:
                        Vulkan liebt die Venus, Venus liebt den Mars, und Mars liebt alles, was gut aussieht, weiblich ist und zwei Beine hat. Und Götter sind sie alle drei. Ach, und Venus ist Vulkans Frau.

IONKLEUS fängt an, die imaginären Vorhänge innerhalb der Baldachinvorhänge am Gestänge des Baldachins zu befestigen.

IONKLEUS   Vulkan liebt sie wirklich, müssen sie wissen. Bei den andern beiden weiß man's ja nicht so genau, aber Vulkan ist der Venus treu ergeben vom ersten Tag an, da kann man sagen, was man will.

VULKAN      (meldet sich in Ionkleus' Walkie Talkie) Achtung, Zielobjekt nähert sich mit raschem Tempo! Entfernung aktuell: 53 Meter. Wie sieht's aus im Schlafzimmer, Ionkleus?

IONKLEUS   (nimmt sein Walkie Talkie in die Hand) Alles klar bei mir, Vulkan, bin gleich fertig (steckt es wieder weg).

                        Bei der Venus ist das Ganze natürlich anders. Wenn sie als Göttin schon für die Romantik zuständig ist, dann muß sie sich auch entsprechend verhalten.
                        Na ja, ein bisschen liegt's sicher auch am Vulkan. Er hat nicht nur Qualitäten, wenn sie wissen, was ich meine.
                        Aber, bitteschön, was hat Romantik mit Treue und Beständigkeit zu tun. Allein schon deshalb hat Venus mit dem Mars was angefangen.

Lachen im Hintergrund

VULKAN      Achtung, Zielobjekt auf 33 Metern, 32, 31, halt, entfernt sich wieder, 32, 34, jetzt bleibt er stehen, na wartet, euch wenn ich -, setzt sich wieder in Bewegung, 32 Meter, 31…

IONKLEUS   Vulkan hat ohnehin lang gebraucht, bis er hinter die Sache gekommen ist. Eigentlich haben's alle vor ihm schon gewusst. Na ja, der Jüngste ist er ja auch nicht mehr.

VULKAN      Zielobjekt jetzt bei 26 Metern, trinkt Wein aus zwei Amphoren – die mir irgendwie bekannt vorkommen, he, verdammt, das sind ja meine Amphoren! Ich frage mich, wie die hierher gekommen sind. Na wartet, das wird alles ein Nachspiel haben!


IONKLEUS  Ich muss mich beeilen!
                        Aber versuchen sie mal, sich vorzustellen, wie's in Vulkans Innerem jetzt aussieht. Immerhin geben die Götter sich alles doppelt, Freud wie Leid. Die Lust will Ewigkeit, und so will's auch der Frust natürlich.
                        Na ja, was Vulkan im Moment will, ist vor allem Rache.

VULKAN      Heda, Ionkleus, red nicht rum! Sieh lieber zu, dass du fertig wirst. Zielobjekt bei zwanzig Metern, nimmt Tempo auf!

IONKLEUS hat den Vorhang befestigt.

IONKLEUS             So, fertig.
Ich hab's ihm auszureden versucht. Romantik und Sprunghaftigkeit sind Schwestern, treu im Geist und nicht zu trennen. Ein Gott in seinem Alter sollte das langsam wissen irgendwie. Aber auf dem Ohr ist Vulkan taub.
Dafür hat er jetzt das unsichtbare Netz geschmiedet, das ich hier grad aufgehängt hab. Auf die Art will er die beiden vor den andern Göttern bloßstellen.
                        Na ja, dass er sich nicht mehr dran hindern lässt, steht mal fest. (sieht sich um, wartet. Er nimmt sein Walkie Talkie in die Hand, will hineinsprechen)
Ich hab's oft genug versucht.

VULKAN      Achtung, sie kommen! Zehn, neun, acht,… (zählt durch bis Null)

IONKLEUS   Jetzt muss ich aber weg!
                        Ich such indes nur kurz das Weite,
und kehr' sogleich zurück, an Vulkans Seite.
          
IONKLEUS ab, Auftritt VENUS und MARS.

Die beiden stürzen auf die Bühne, schäkern und scherzen, tauschen ungestüm Zärtlichkeiten aus.

       VENUS   Ist er weg?

         MARS   Ich glaub  schon.

Sie klettern auf das Bett, verschwinden hinter den Vorhängen, fahren fort.

Auftritt VULKAN, IONKLEUS

VULKAN hinkend. Er trägt am Körper ein Walkie Talkie, in der Hand eine handliche Rotweinamphore.

IONKLEUS Willst du nicht doch noch mal drüber nachdenken, Vulkan? Ihr könntet die Sache doch irgendwie einfach normal regeln. Ich hab echt Befürchtungen, dass die Sache nach hinten losgeht.
                        Ich hab neulich einen Traum gehabt, ich will gar nicht drüber reden, wir standen wie die Deppen da...
                                                                     
   VULKAN   Glaubst du, die können mich zum Narren halten?!

IONKLEUS   Na, die nicht!

   VULKAN   Glauben wohl, ich merkte nichts!
            Nehmen an, ich wär dement, wär blöd, wär Opfer tück'scher Plaques und Kalkablagerungen in Ganglion und Hippocampus, meine Rezeptoren ausgebrannt, mein Frontallappen Kompott. Glauben, ich hätt ein Rotweinproblem. Ich, ein Gott!

       VENUS   Hast du das gehört?

MARS steckt den Kopf hervor.

       VENUS   Was ist los?

         MARS   Ach, laß ihn, der ist besoffen.
                    
VENUS, MARS wieder hinter den Vorhang.
VULKAN konzentriert, trinkt, zieht sein Walkie Talkie heraus, betätigt es in der Art einer Fernbedienung.

       VENUS   Laß mich. Ich kann nicht, wenn er zusieht dabei.

VENUS versucht, MARS aus dem Bett zu werfen.

         MARS   He, warte, ich komm nicht durch. Da ist was im Weg.

       VENUS   Was?

         MARS   Ich weiß nicht. Irgendein Netz. Ich komm nicht durch.

VENUS greift über MARS hinweg.

       VENUS   Das ist wie Metall. Wie ein Netz aus Eisen. Bloß anders. Das muß mein Mann gemacht haben. Dieser –


   VULKAN   (umkreist das Bett) Jaja – da schaun sie, was, die beiden?
                        Vulkan hat ein Netz gesponnen fein,
                        feiner noch als Seide aus Fernost,
                        und doch ist's prüfbar von metall'ner Konsistenz,
                        ein Faden, dessen Querschnitt
                        meßbar nur in Nanometern,
                        auf einer Legierung Fundament,
                        die niemandem bekannt bisher,
                        selbst Jupiter und den Giganten nicht.
                        Mit einem Wort:
                        Das Ding ist wieder einmal Vulkans Werk.
                        Entwickelt und entworfen hab ich's,
                        letztes Wochenende erst,
                        mit festem, jugendlichem Arm
                        und ohne Hülf' von anderer Seit!
                        Ihr habt geglaubt, ich wär dement, ja?
            Wär Opfer tück'scher Plaques und Kalkablagerungen?

                        Du wissest, Venus, Aphrodite, Liebesgöttin
                        (ein bessrer Nam fortan wär: Untreu-Göttin!),
            du wissest, Aphrodite,
meine Ohren waren offen stets
                        für alle Kümmernis von deiner Seit.
            du hattest Redefreiheit allezeit,
                        hattest wünschen, shoppen können, allezeit,
                        wieviel Schmuck, Geschmeid, Accessoires allein
                        hab ich verfertiget,
                        mit eh'rner Mannesfaust geschmiedet,
                        geformt, gewalzt, gepresst, gedengelt
                         mit festem, jugendlichem Arm
und ohne Hülf – von Ionkleus abgesehen,
der keine Hilfe ist.
                        Allein wie viel Halsketten?
                        Ionkleus, nachschauen!

IONKLEUS zieht ein Notizbuch hervor, sucht darin.

VULKAN      Siebzehnfuffzig? - Mehr? –
Ach, ich weiß es selbst nicht mehr!

IONKLEUS Also, ich würde sagen, eher zwei Mille als siebzehnfünfzig, Vulkan.
                    
   VULKAN   Und dieser Depp von einem Gott,
                        mit dem du deine Stunden teilst –
                        Gott des Krieges heißt man ihn –
                        er ist stolz drauf, nehm ich an.
                        Angenehm muß das Gefühl sein,
                        faul zu sein, und dann, wenn los es geht,
            des Gegners Stirn mit harter Stiefelspitze einzutreten.
                        Zuzutreten und zu schlagen, dass nichts mehr bleibt
                        als Terror, Trauer, Tränen,
                        Trauma, Tollheit, Todesqual,
                        Tyrannis und –Verwüstung!

            Es existieren Lehren, die pred'gen Maß, Zurückhaltung,
                        Einhaltung des allgemeinen Rechts.
                        An manchen Tagen ließ es sich zurückhalten,
                        nicht wahr, man müßte halt nur wollen,
                        nicht wahr, du Kriegergott,
                        du eines Esels, du eines Wasserbüffels Hinterteil!
                        In deinen Hintern treten könnt ich dir!
            Und ich Unglücksvogel schmied ihm auch noch
die Rüstung zusammen!

VULKAN hält inne, beginnt dann wieder von Neuem

   VULKAN   Bevor du kamst,
                        hat Venus mich geliebt, wir waren glücklich –
                        ein Paar,
                        girrend, kosend, Mann und Frau,
                        getraut vom Pfarrer auf Volcano.

         MARS   Ach du meine Güte, hört der denn nie auf!

   VULKAN   Aber wartet nur.
            Nichts, es sei denn Vulkan selbst,
löst euch aus diesem Netz raus.
                        Den besten Schmid auf Erden nennt man mich,
                        der Schmiede ersten General,
                        schreck auch vor Hi-Tech nicht zurück.
                        Und jetzt lass ich die Götter holen.
            So mach ich euch zum Spott-Grund des ganzen Olymps.
                        Ionkleus, die Götter!

IONKLEUS   –

   VULKAN   Hol die Götter!

IONKLEUS dienert, ab.

   VULKAN   Ja, kommt rüber, wie Galgenvögel fliegt, um teilzuhaben an diesem oberpeinlichsten aller Schauspiele!

       VENUS   Hörst du, was er machen will? Er ruft die Götter! Vulkan, bitte! Laß uns doch nochmal reden! Ich geh Eisenklopfen für dich. Ich grill dir Ziegenschenkel ab sofort, jeden Tag zum Frühstück! Ich mach auch Blutwurst, wenn du magst!

         MARS   (zündet sich eine Zigarette an) Ach, lass ihn. Was will er denn  machen. Jupiter hat mir Immunität zugesichert, solang er an Mathilda rankann. Irgendwann muß er uns wieder rauslassen.

       VENUS   Was?

         MARS   Ach, reg dich ab.

Auftritt IONKLEUS.

IONKLEUS wieder an Vulkans Seite.

Im Rückraum einige Lichter aufkommend, die Götter voll elysischer Fröhlichkeit. Gleichzeitig lauter werdend, Musik: Gerardo Frisinas Remix von Frank Hernandez' "Baby Chickens".

Die Götter sind angekommen.

   VULKAN   Ja-Ha, Augen auf, Kollegen!
                        Seht sie euch an, die beiden!
                        Unnötig zu sagen, wer:
                        Venus ist's, und Mars, der Schurk.
Fest im Glauben,
mich ohnbeobachtet zu hintergehen,
                        bestiegen sie mein Ehebett.
                        Ein Küssen hier, ein Zwicken da,
                        mehr zum Glück ist nicht passiert seither,
                        meinem Aug und meiner Wachsamkeit sei Dank,
hab ich doch aufgepaßt,
'nem Setter, einer Deutschen Dogge gleich,
                        dass die dinge hier nicht aus dem Ruder laufen.
Ja – ja, zu früh warf Licht ich
auf ihr Dunkel falscher Sicherheit,
                        aufgelauert hab ich ihnen,
                        Äonen schon laur' ich den beiden auf,
                        und jetzt, ja, ja, jetzt schaut ihr, was?
                        Ja, ja –
                        fünf Minuten zwölf sind sie schon drin jetzt...

                        Ist's nicht zum Lachen?
Ich könnt kotzen, so lächerlich ist das! Sie haben geglaubt, ich hätte nichts gemerkt, ich wär dement, wär blöd, wär Opfer tück'scher Plaques und Kalkablagerungen. Doch Äonen schon schau ich den beiden im Geheimen zu, hab Listen mir ausgedacht. Mit Erfolg, mit offenkundigem Erfolg. Na klar. Jeder Schwachköpfige sieht das. Man braucht nur nachzuschaun...
                        Ihr lacht wieder nur?...

Die Götter entfernen sich.
                    
         MARS Jetzt komm schon, Vulkan. Ihr habt euren Spaß gehabt. Wir sind bis jetzt ja nicht dazugekommen.
                        He, Winnetou! Lässt du uns jetzt langsam mal raus?

VULKAN zieht sich ins Abseits zurück.

Das Licht hinter dem Bett verändert sich.

   VULKAN   Kannt einst ein altes Mütterlein,
ohn' Zähn', fünf Haar' maximal auf'm Kopf,
buk täglich weichen Kuchen mir,
zu schonen meinen Magen, der reizbar und empfindlich worden,
gebar zween Söhne mir, Van und Kul,
nutzlos beide, Rocker der eine, Talkmaster der andre,
was will man mit solchen Nachkommen,
wie Beckenbauer brauch ich Söhn,  
werd Söhn ich zeugen,
bis einer meines Schlags die Erd mit Donnerschlag betritt,
ein Dribbelkünstler, Libero,
der Flanken schlägt von 120 Metern,
mit Bayern Meister wird…
                    
MARS unternimmt einen weiteren Versuch, aus dem Bett herauszukommen, und dieses Mal gelingt es ihm ohne Schwierigkeiten. Fertig angezogen tritt er heraus. Er hält VENUS die Hand hin. Auch diese tritt nun angezogen aus dem Bett heraus.
Rasch verlassen die beiden die Bühne, MARS zielstrebig, VENUS zögernder. Kurz sieht sie sich nach Vulkan um.
Auch MARS dreht sich noch einmal um.

         MARS   Arsch sagt der zu mir. Selber Arsch.

VULKAN wirft MARS seine Amphore hinterher.

Abdunkeln.

IONKLEUS beginnt, auf einer Blockflöte eine Weise zu spielen (Vorschlag: Stille Nacht).


Finis

Der Fernsehabend

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Der Fernsehabend



Dirk, Mario, Gonzo und Marios Frau liegen chipsmampfend über die Couchgarnitur in Marios Wohnung verteilt und folgen dem Fernsehprogramm mit gespannter Erwartung. Es ist wieder mal Hollywood- oder Blockbustertime, und für heute ist edelste Action vorausgesagt. Ein paar kleine, böse Explosions- und Gewaltsequenzen haben den vieren schon richtig Appetit gemacht, und allgemein ist zu spüren, daß der Film langsam auf Touren kommt.
Skrupellose ausländische Banditen haben vor ein paar Minuten Bruce Willis' Familie entführt und geben gerade in einem fiesen Video bekannt, daß sie auch noch vorhaben, die Welt zu zerstören.
In der Wohnung macht ein Joint die Runde. Dazu trinken die Freunde Bier. Beides ist überhaupt kein Thema, wenn die Freunde mal zusammen sind. Dirk, Mario und dessen Frau haben ihren Alkoholkonsum derart unter Kontrolle, daß sie nicht mal dran denken, wenn sie was trinken. Noch mehr ist das so mit dem Gras.
Was indes den alten Gonzo betrifft, so kann es gut sein, daß ihn die Sauferei schon impotent gemacht hat. Das ist zumindest sein eigener Eindruck. Überhaupt sind seine Gedanken in den letzten Jahren fast ausschließlich noch mit der Sauferei beschäftigt. Oft braucht er seinen Störtebecker schon zum Aufstehen. Von all dem hat  er den anderen aber nie was gesagt.
Verglichen mit Gonzo geht es Dirk und Mario absolut glänzend. Die haben ihre Jobs und saufen oft gar nichts. Sie kiffen nur gelegentlich und rauchen zu viel. Das wissen sie aber auch selber, und was den Rest ihres Lebens betrifft, so fühlen sie sich einfach gar nicht so schlecht und zufrieden.
Gonzo ist ihr Freund, seit Dirk und Mario denken können. Gonzo war schon gut drauf, als sie beide noch im Sandkasten rumhockten und mit ihren Matchboxautos rumspielten. Gonzo hatte damals schon immer die guten Witze drauf. Wann immer Gonzo damals irgendwo mit dabei war, war für die gute Stimmung schon vorgesorgt. Das ist auch heute noch so, auch wenn man ihm in der letzten Zeit anmerkt, daß ihm schön langsam die Luft ausgeht.
Heute aber ist eindeutig wieder mal Gonzos Tag. Im Fernsehen fliegt einer der Arschköpfe gerade mit Atombombengetöse in die Luft.
"Scheißkerl." meint Bruce Willis' Partner, ein Muskelberg, der zwar nicht so viel im Kopf hat wie Bruce, dafür aber ein hochentwickeltes Gerechtigkeitsgefühl besitzt. Vor Anstrengung und berechtigter Wut fletscht der Typ wieder mal die Zähne.
Dirk und Gonzo lachen los, weil der Film ihre Vorfreude absolut bestätigt. Geile Action und befriedigte Revanchegefühle ohne Ende, mehr haben sie nicht gewollt und auch nicht erwartet.
Mario und seine Frau drehen sich schnell zum Fernseher hin, sehen noch einen halben Liter Blut des Arschgesichts gegen die Wand spritzen und lachen mit.
"Kommt gut!" meint Gonzo in sich hineinkichernd zu den anderen und zieht mit Genuß an seiner Zigarette, die er nach alter Manier so hält, daß sie in seinen Handteller qualmt.
Bruce und sein Freund setzen bis an die Zähne bewaffnet ihren Weg durch irgendeinen verdunkelten riesigen Gebäudekomplex fort, Mario und seine Frau auf der Schlafcouch wenden währenddessen ihre Aufmerksamkeit wieder einander zu.
Die Szene vorhin, die Bruces Frau mit ihren Superbrüsten halb verdeckt in ihrer Duschkabine nichtsahnend kurz vor ihrer Entführung gezeigt hat, hat Mario ganz unerwartet spitz werden lassen. Seitdem schmust er hingebungsvoll zu seiner Frau rüber, die ihrerseits seine Zärtlichkeiten gerne erwidert.
Gonzo am anderen Ende der Couchgarnitur sieht fast nicht rüber zu den beiden. Oft überkommt ihn bei solchen Anblicken eine fade Melancholie, die ihm, wenn's schlecht geht, ganze Abende vermiesen kann. Ihm reichen die Bett- und Rammelszenen im Fernsehen schon immer vollkommen.
Dirk auf der anderen Seite sieht schon öfters rüber, wenn auch verstohlen. Er hat überhaupt keine Frau im Moment, und ihn juckt es schon auch ganz schön, aber das kann er natürlich nicht zeigen, und einfach irgendwohin verschwinden will er auch nicht. Melancholisch wird aber auch Dirk momentan ganz leicht. Er krallt sich also im Minutentakt ein paar Hände voll Chips und reißt sich, nachdem er die Chips verdrückt hat, die nächste Bierdose auf.
Im Fernseher kommt die Action langsam immer mehr in Fahrt. Erst haben die durchgeknallten Terroristen ein paar harmlose Passanten, Bankangestellte und Polizisten auf perfid bösartige Weise und allein kraft ihrer technischen Überlegenheit um die Ecke gebracht, dann haben sie unter weiterer Mißachtung sämtlicher Regeln und Gesetze Bruces Familie und die größte Atombombe aller Zeiten aus einem geheimen Staatsbunker entführt. Die monströse Bombe, die von allen ehrfürchtig "Fatal Freddie" genannt wird, wäre imstande, die Vereinigten Staaten im Alleingang mit einen Schlag zu vernichten.
Logisch, daß die Zeit dabei immer knapper wird. Die Terroristen haben ein unmenschlich enges Zeitlimit gesetzt, und Bruce muß jetzt ebenfalls unter Mißachtung aller Regeln und Gesetze, wenn die Menschheit überhaupt noch eine Chance haben will, zurückschlagen. Aber Bruce versucht wenigstens, wenn möglich, noch ein paar Regeln einzuhalten, und außerdem hat er ja nicht angefangen, und nur er kann die Welt ja überhaupt noch retten.
Bruce und sein Partner bewegen sich in einem Speisenaufzug gerade ins nächsthöhere Stockwerk und entdecken im Hochfahren durch einen Schlitz in der Aufzugtür fünf oder sechs Komplizen des verrückten Terroristenführers, die es sich in der Küche mit Bier und matschigen Sandwiches gemütlich machen. Kein einziger Bösewicht bekommt dabei von Bruce oder seinem Freund etwas mit.
Dann dreht sich einer der Komplizen zufällig um, fährt schockiert zusammen und zieht seine MG. Seine Kumpane merken sofort, was Sache ist und tun es ihm nach, doch es ist schon zu spät. Bruce und sein Freund pumpen die ganze Truppe voll Blei.
Und so geht es weiter. Bruce und sein Freund werfen professionelle Blicke zur Tür raus, ungefähr so wie die Supertypen in Miami Vice, nur mit phantastisch riesigen Waffen, ballern sich ihren Weg frei und kommen dem Zentrum des Rathauses, wo sich der Terroristenchef gerade lüstern der linken Schulter von Bruces Frau nähert, während Bruces fasterwachsene Tochter ihm dabei zusehen muß, immer näher. Billy, der fünfjährige Sohn schläft zum Glück gerade.
Bruce und sein Kumpel sind allerdings noch lange nicht fertig, als in Marios Appartement die Flaschen, Dosen und Chipstüten zu wackeln anfangen, der ganze Boden zu beben beginnt, von draußen Sirenen und panisches Schreien dringen und eine unvorstellbar riesige Feuerwalze, die sich von Finnland bis zur Sahara erstreckt, sich anschickt, mit dem großartigsten Lichteffekt aller Zeiten über sie alle hinweg zu rollen.


Mittwoch, 4. August 2010

Eine junge Frau am Seebrucker Kieselstrand




Aus Timo Schmidt-Boelkes Notizheften:

Eine junge Frau am Seebrucker Kieselstrand: Entspannt, die Augen geschlossen, im Schneidersitz, wälzt sie in ihrer Rechten zwei kleine Metallkugeln, die in unregelmäßigen Abständen leise gegeneinander knallen und ihr ein ums andere Mal aus der Hand fallen. Standhaft, fast verbissen, beginnt sie nach jedem Fehlschlag von Neuem und murmelt dabei: Qi-Gong, Qi-Gong, Qi-Gong, Qi-Gong...


In der Dusche

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In der Dusche


     Es war wieder eine der Phasen, während der ich, so wie ungefähr fünf Mal am Tag, eine sich länger und länger hinziehende Zeitspanne unter dem warmen Strahl meiner Dusche verbrachte.
     Ich hielt die Augen geschlossen. Kaskaden großflächig strömenden, wärmenden Wassers glitten über meinen Kopf, meine Stirn, meinen Rumpf, meine Arme und Beine hinweg. In meinen Ohren toste und brauste es wie unter dem prächtigsten Wasserfall einer paradiesischen tropischen Insel. Meine Sinne waren wie nach außen verschlossen in diesen kostbarsten Minuten des Tages. Alles was ich spürte war angenehm, die Wärme, das Strömen des Wassers, das Geräusch fließender Flüssigkeit.
     Wie stets in diesen Phasen nahm ich mich nur noch als ein kleiner, höchst zufriedener Teil der großen, mächtigen, mir freundlich gesonnenen Natur wahr, und so wie jedes Mal empfand ich es als riesenhafte persönliche Kränkung, als ich das Bewußtsein erlangte, daß es Zeit war, die Augen endlich zu öffnen und den Wasserstrahl wieder abzudrehen. Doch niemand darf ewig unter der Dusche bleiben.
     Ich zog den Vorhang zurück. Eine kalte Stille empfing mich. Das Badezimmer wirkte kahl, die Kacheln bleich hinter dem gräulich wabernden Dampf. Der Raum war häßlich, frostig und abstoßend. Tatsächlich hätte ich nichts lieber gewollt, als mich sofort wieder in die Dusche zu stellen. Hastig trocknete ich mich ab, um diesem tristen Zustand so schnell es ging zu entfliehen.
     Da wurde im Freien plötzlich ein neues Brausen laut, ganz ähnlich jenem, das mich bis vor kurzem noch so beglückt hatte. Ich schob den alten Blümchenvorhang vor dem Fenster zur Seite. Das ganze Land leuchtete golden und gelb. Warmer Dampf drang zischend durch die Ritzen des alten Fensters, das ich eigentlich schon vor zehn Jahren hätte austauschen lassen müssen. Es tat gut, die Wärme zu spüren. Und alles war besser als mein verachtungswürdiges Badezimmer. Vor Wonne seufzend hielt ich meine Handinnenflächen an den wärmenden Dampf.
     Das Fensterglas schmolz, und ein Loch bildete sich darin, das, rasch wachsend, größer wurde. Ich warf einen Blick hinaus.
     Das Brausen war mittlerweile einem Brüllen gewichen, welches gleich eintausend Düsenjets allein durch sein physisches Dasein die Landschaft und meine Wahrnehmung in seiner Gewalt hielt.
     Ich sah nach links. Die Bäume brannten, kein Mensch war auf der Straße zu sehen, irgendwo blinkte verlassen ein Warnlicht.
     Ich sah nach rechts. Eine Welle, unvorstellbar groß und so breit wie der Horizont rollte auf mich zu. Es war ein phantastischer Anblick. Allgewaltig, gleich einer himmlische Raupe, gleich einem bunten Boten des Paradieses schob sie Berge, Täler und Seen vor sich her. Sie war gekommen, um mich zu holen. Meine Leidenszeit war endlich vorbei, und ich durfte aufgehen im Schoße der mütterlichen Natur. Überglücklich riß ich die Tür meines Bads auf, hastete meine knarzende und längst renovierungsbedürftige Holztreppe hinunter nach draußen und stürzte keuchend der Welle entgegen.